Joseph Karl Stieler: Therese Wohlgemuth, 1822 © GDKE RLP LMM, Ralph Steffens

Wo sind die Malerinnen?

Die Wiener Malerin Therese Wohlgemuth (geboren? – gestorben?) sitzt im Jahr 1822 für Joseph Karl Stieler (1781 – 1858) Modell. Das ist alles, was wir über sie wissen. Es scheint fast, als porträtiere Stieler sie nicht als Berufskollegin, sondern eher als schön ausstaffierte Anwärterin für einen Platz in der Schönheiten-Galerie  des bayrischen Königs Ludwig I (1786 – 1868).

Wie wäre es wohl, Therese zu sein?

Elena posiert als Therese Wohlgemuth © Florine Jäger
Elena posiert als Therese Wohlgemuth © Florine Jäger

Auf dem Bild ist sie vielleicht Anfang Zwanzig, ihre rechte Hand ziert ein Ring, möglicherweise eine Kombination aus  Ehe- und ein Verlobungsring. Es ist anzunehmen, dass sie aus einer gut situierten Familie kam, verheiratet war und malte. Vielleicht war sie mit Königin Karoline von Baden befreundet, die sich gerne mit Literatur, Musik und dem Zeichnen befasste. Stieler schuf einige Gemälde für die Königsfamilie, warum nicht auch von einer Freundin der Königin. Spekulieren ließe sich noch weiter – doch festzustellen ist nichts.

Beruf: Künstlerin

Wenn Therese wirklich malte, so tat sie das in einer Zeit, in der Frauen nicht mehr in die Zusammenhänge des Malerhandwerks eingebunden waren, wie Maria Sibylla Merian (1647 – 1717). Barbara Beuys nennt Merian im Untertitel ihrer Biografie „Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau“, und die Merian hatte eine Maler-Ausbildung bei ihrem Stiefvater Jacob Marrel (1614 – 1681) absolviert. Sie führte ein höchst bemerkenswertes, aber für diese Zeit nicht ganz so außergewöhnliches Frauenleben, wie es uns rückblickend erscheinen mag. Denn gerade das Genre der Blumenmalerei kannte einige Meisterinnen, darunter auch Sibyllas Tochter Dorothea Maria Graff (1678 – 1743). Auch eine, ja zwei Generation später ist die Blumenmalerei noch das Metier mancher hoch angesehener Künstlerin wie z. B. von Karoline Friederike Friedrich (1749 – 1815).

Das schwierige 19. Jahrhundert

Am Rande von Deutschlands schwierigem Weg in den Nationalstaat entstand  – wie anderenorts auch –  die staatlich institutionalisierte akademische Ausbildung für Künstler in der Prägung des 19. Jahrhunderts. Der Weg führte durch ein Jahrhundert, welches im Zuge der politischen Entwicklungen immer wieder Wellen von Frömmelei und Restauration unterworfen war. Die Kunst-Akademien übernahmen explizit die Aufgabe, nicht etwa das reine Handwerk zu lehren (eine Maler-Ausbildung konnte man durchaus noch absovieren), sondern herauszubilden und zu fördern, was und wie darzustellen sei. Historisches, Heroisches, Nationales, Bildendes. Jährliche Ausstellungen und ein rasch entstehendes Netzwerk der Verbundenen im Geiste beeinflussten den Markt. Das Aktzeichnen als Grundlage für das korrekte Darstellen der menschlichen Figur z. B. in Historienbildern galt als unschicklich für Frauen, und die erhabenen bis kriegerischen Sujets standen im Widerspruch zur als naturgegeben postulierten Sanftmut und Bescheidenheit der Frau.

Der im 19. Jahrhundert so populäre Gedanke des Zusammenschließens über das Ausschließen anderer hatte in vieler Hinsicht fatale Folgen, vor allem aber umfassende für die Frauen. Hätte Therese ein akademisches Studium an einer der ältesten europäischen Kunstakademien, nämlich der in Wien, beginnen wollen, so hätte sie warten müssen, bis 1897 die Damenakademie gegründet wurde. 

Eine malende Frau

Rosa Achenbach, Bildnis Georg Braun 1834 © GDKE RLP LMM, Ursula Rudischer
Rosa Achenbach, Bildnis Georg Braun 1834 © GDKE RLP LMM, Ursula Rudischer

Eine Malerinnen-„Karriere“, wie auch Therese Wohlgemuth sie hätte machen können, sei hier kurz am Beispiel der in Mainz geborenen  Malerin Rosa Achenbach geschildert: 1817 geboren, siedelte sie 1828 zu ihrer Tante nach Mainz über, die 1837 den Maler Nikolaus Müller (1770 – 1851) heiratete. Dieser unterrichtete Rosa in der Malerei, und ab 1833 waren ihre Werke auf Ausstellungen des Mainzer Kunst- und Literaturvereins zu sehen. Interessant ist, welcher Art die Gemälde waren, die Achenbach , integriert in die Gruppenausstellungen der Kunstvereine, zeigen durfte: 1835 eine Kopie des Gemäldes „Schutzengel“ von Joseph Karl Stieler (!), deren Perfektion gelobt wurde, zwei weitere Kopien, Porträts bekannter Persönlichkeiten (darunter ihr Schwiegervater) sowie Miniaturgemälde. 1837 dann durfte sie an einer Ausstellung im Rheinischen Kunstverein Karlsruhe teilnehmen und zeigte dort erneut die Kopie nach Stieler, weitere Porträts und ein Selbstporträt. Das Lob dafür in Schorns Kunstblatt 5/1838 lautete: „Mit Bescheidenheit die Bescheidenheit ausdrückend. Ein liebes wohlgefälliges Bild.“ Das war es, was man im besten Falle über eine malende Frau sagen konnte.

Mit ihrer Heirat 1839 und der Geburt ihrer vier Kinder scheint die Malerei in den Hintergrund von Rosas Leben gerückt zu sein, und ihr Werk ist zum großen Teil verschollen, es gibt kein Sterbedatum. Doch der Ritterschlag, die Aufnahme in den Thieme-Becker, wurde ihr gewährt. 

Malschülerinnen – Malweiber – Malerinnen!

Doch wie schon oben erwähnt, blieb die Zeit nicht stehen. Es entstanden Damen-Akademien, die sog. Mal-Weiber schlossen sich zusammen. Das Ende der Monarchie und des ersten Weltkriegs brachte den Frauen viele nach langem Ringen gewährte Rechte. Eine Malerin, welche diese Veränderungen erlebte und schließlich nach dem Tod ihres Mannes 1943 die eigene Familie mit der Malerei ernähren konnte, war Else Luthmer (1880 – 1961). 

Else Luhmer, Uferlandschaft im Herbst um 1918 © GDKE RLP LMM, Ursula Rudischer
Else Luhmer, Uferlandschaft im Herbst um 1918 © GDKE RLP LMM, Ursula Rudischer

Sie war zunächst Schülerin ihres Vaters, des Museumsdirektors Ferdinand Luthmer. 1899-1900 erhielt sie Malunterricht an Wilhelm Trübners renommierter Privatschule, da entgegen allen emanzipatorischen Bemühungen am Städelschen Kunstinstitut werdenden Künstlerinnen die Aufnahme verwehrt blieb. Else Luthmer unternahm nach dieser Periode Studienreisen in Italien und Südfrankreich, studierte in Paris. Ab 1903 beteiligte sie sich regelmäßig an den Jahresausstellungen Frankfurter Künstler, außerdem wurden ihre Werke im Frankfurter Kunstverein und im Salon des Indépendants in Paris ausgestellt. Luthmer ließ sich in der familiären Villa in Lindenfels nieder, die Eheschließung mit dem Richter Otto Schwabe fand 1907 statt. Sie verzichtete nicht auf das künstlerische Schaffen und behielt als Künstlerin ihren Mädchennamen. Überdies veröffentlichte sie Zeitungsartikel zum Thema von Kunst und Kunstausstellungen. Die Kunst war Teil ihres alltäglichen Lebens, und auch sie findet sich im Thieme-Becker.

Hatten es die Künstlerinnen damit geschafft? 

Auch ohne die Ergebnisse der umfangreichen und einige Zusammenhänge erhellenden Studie im Auftrag der amtierenden Kulturministerin Monika Grütters Frauen in Kultur und Medien, welche 2016 erschien, hätten wir gewusst, dass wir nicht so viele von ihnen sehen.

Ellen Oredsson und Jennifer Dasal nehmen in ihrem Blogartikel Why Have There Been No Great Women Artists?”: A Case Study“ einen älteren Essay von Linda Nochlin als Gesprächsanlass. Heraus kommen fünf interessante Punkte zum Frau-Sein als Grund für die kunstgeschichtliche Unsichtbarkeit.

Gleichzeitig tastet sich die Kunstgeschichte unter Einbeziehung des Museumsbetriebes in die Jetzt-Zeit der Malerinnen vor. Als regional geprägte Beispiele seien hier zwei Ausstellungen in der Frankfurter Kunsthalle Schirn im Jahr 2019 genannt. Sie widmeten sich den Künstlerinnen Lee Krasner und Hannah Ryggen. 

Ein weiteres Beispiel für die Sichtbarwerdung von Künstlerinnen ist die Facebookseite Female artists in history.  Sie besticht, indem sie den Fokus auf Frauen legt und dabei alle anderen Kategorien außer Acht lässt: Epochen, Genres, Techniken, Kunstgattungen, Kontinente. Hier geht es nicht um die 20 berühmtesten oder verkanntesten oder genialsten Frauen, sondern um jede einzelne künstlerisch tätige Frau, weltweit. Therese Wohlgemuth erscheint dort nicht – noch nicht?

Zum Weiterlesen über Malerinnen

Arthistory Project: Female Artists – Correcting the records 

Katja Behling, Anke Manigold: Die Malweiber – Unerschrockene Künstlerinnen um 1900 Berlin 2013

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian –  Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau, Berlin 2016

Karoline Hille: Gabriele Münter – Die Künstlerin mit der Zauberhand, Bonn 2012

und Dichterinnen

Karin Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer, Köln 2020

Armin Strohmeyer: Das Leben der Sophie von La Roche, Konstanz 2019

und den Status quo

Schulz / Ries / Zimmermann: Frauen in Kultur und Medien, Berlin 2016

Text: Ellen Löchner
Titelbild: 
Joseph Karl Stieler, Therese Wohlgemuth, 1822 © GDKE RLP LMM, Ralph Steffens