Wie sollen wir nach Auschwitz malen? Deutsche Nachkriegskunst

Die oft proklamierte Stunde null gab es 1945 nicht. Dennoch stellten sich die Künstler nach der Apokalypse des Zweiten Weltkrieges die zentrale Frage, wie man nun überhaupt weiter arbeiten könne. Es herrschte der Wunsch nach einem absoluten Neuanfang, nach einem Abstreifen der Last der Vergangenheit, nach einer Befreiung – losgelöst von den in den letzten Jahren erfahren politischen Bevormundungen und Unterdrückungen.

Deutsche Künstler suchten nach neuen Ausdrucksformen, und die Abstraktion erschien als das geeignete Ausdrucksmittel, das Erlebte zu verarbeiten und eine neue künstlerische Freiheit zu erlangen. Schon vor 1945 galt diese als Zeichen für einen Widerstand gegen die Übermacht einer im Akademismus erstarrten Tradition. Zudem unterschied diese sich radikal von einer figurativen, durch die Propagandakunst des Nationalsozialismus vorbelasteten Formensprache. Die Abstraktion wurde folgend zu der Kunstform ausgerufen, welche die neue Bundesrepublik Deutschland, ihre Identität, ihre Demokratie und ihr neues Selbstbewusstsein, verkörperte. In zahlreichen theoretischen Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der figurativen und der abstrakten Kunst über das „Menschenbild in unserer Zeit“ (u.a. sog. Darmstädter Gespräche) wurde diese Position heftig diskutiert.
Als einer der bedeutendsten Künstler der deutschen Nachkriegszeit gilt Fritz Winter (1905-1976). Das in unserer Sammlung befindliche Werk „Das Gerüst“ (1933) zeigt exemplarisch, wie er bereits vor dem 2. Weltkrieg eine gestisch-abstrakte Malerei als geeignete Sprache der gegenstandslosen Kunst weiterentwickelte. Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) war der erste deutsche abstrakte Maler, der nach 1945 international Anerkennung fand. Seine „Sitzende“ (1947) war zugleich der erste Ankauf eines bedeutenden zeitgenössischen Kunstwerks für die Stadt Mainz seit 1932 und steht für eine moderne Neuausrichtung unserer Sammlung. Indem er seine „Sitzende“ in ihre Grundformen zerlegt, löst er sich hier noch nicht komplett von der Gegenständlichkeit. Malerische und sehr persönliche Psychogramme schuf Hans Hartung (1904-1989). Durch diese bannte er seine seelischen Zustände, die zwischen Euphorie und Depression schwankten, auf die Leinwand. Die Abstraktion war für ihn das Mittel, das eigene subjektive Empfinden als Widerhall des Erlebens von Wirklichkeit auszudrücken.

Neben Hans Hartung standen weitere sog. Informelle Künstler wie etwa Emil Schumacher (1912-1999), Karl Otto Götz (1914-2017), Otto Greis (1913-2001) oder Bernhard Schultze (1915-2005) für die zentralen künstlerischen Innovationen der 50er Jahre. Durch ihr Bekenntnis zur lebendig fließenden Farbe, zur impulsiven zeichnerischen Linie, zur spontanen malerischen Schrift und zum rohen Material, lieferten sie radikale Vorschläge für eine neue Kunst der jungen BRD. Selten zuvor haben Maler ihr Temperament, ihren Zorn, ihre Freude und ihre Trauer so spontan ausgedrückt. Im Grunde war diese Kunst auch ein Versuch, neue Möglichkeiten der Malerei durch Experimente zu eröffnen und dadurch andere Mittel der Formsetzung zu entwickeln. Unter dem Namen „Quadriga“ gründeten 1952 Götz, Greis, Heinz Kreutz (1923-2016) und Schultze ihre Künstlervereinigung, die in der „Zimmer Galerie Franck“ in Frankfurt erste Ausstellungen präsentierte. Dieser deutschen Künstlervereinigung gelang es sogar, Anschluss an die internationale Avantgarde zu finden.

Die Bedeutung der Abstraktion zeigt auch die zweite documenta (1959) in Kassel, die der aktuellen Kunst der Nachkriegszeit gewidmet wurde. Sie feierte die Abstraktion! Besonders die Informellen standen im Mittelpunkt. Realistische Tendenzen gab es so gut wie keine – zugleich ein klares politisches Statement der jungen BRD.

Bild: Otto Greis (Frankfurt am Main 1913 – 2001 Ingelheim am Rhein): Blauer Aufbruch, 1952, Harzfarbe und Eitempera/Leinwand

Wir zeigen das Werk mit freundlicher Zustimmung der Nachlass-Erben.