Die 14-Nothelfer-Kapelle in Mainz-Gonsenheim

Wallfahrten in Mainz?

Zum Thema Wallfahrten fallen einem sehr schnell die Orte Jerusalem, Santiago de Compostela und Rom oder auch Köln, Aachen und Trier ein.

In Trier ist man beispielsweise stolz auf den Petrusstab und den Heiligen Rock, in Köln werden die Gebeine der Heiligen Drei Könige in einem prachtvollen Reliquiar aufbewahrt. Die Heiligtumsfahrt nach Aachen war im Mittelalter eine sehr bedeutende und beliebte Wallfahrt. Der Mainzer Johannes Gutenberg fertigte sogar für die Aachner Heiligtumsfahrt von 1440 Wallfahrtsspiegel an. 

Das sind kleine Plaketten, die man an der Kleidung oder auch am Hut befestigen konnte, mit denen die Teilnehmer der Wallfahrt dann nachweisen konnten, dass sie vor Ort waren. 

Aachener Pilgerzeichen, Nachguss von 1979
Aachener Pilgerzeichen, Nachguss von 1979, Foto: gemeinfrei

 

Zusätzlich konnte man mit diesen Wallfahrtsspiegeln den Segenschein der Reliquien einfangen und den Angehörigen, die nicht mit zur Wallfahrt kommen konnten, mit nach Hause nehmen.

Aber Mainz? Welche Wallfahrten waren oder sind bedeutsam in Mainz?

In Mainz gab es und gibt es immer noch viele kleinere Christus-, Marien- oder auch Heiligenwallfahrten und auch Wallfahrten zu den Gräbern verehrter Persönlichkeiten.

Wallfahrten waren im 19. Jahrhundert bei der Bevölkerung sehr beliebt, insbesondere der ehemalige Mainzer Bischof und später heiliggesprochene Bonifatius wurde ab den 1840er Jahren als „Apostel der Deutschen“ verehrt.

Bonifatiusstatue vor dem Mainzer Dom
Bonifatiusstatue vor dem Mainzer Dom, Foto: Katja Campe

Bonifatius wurde um 672 in England geboren, war zunächst Priester und Lehrer für Grammatik und Dichtung und wurde dann ab 716 für seine Missionierungstätigkeit bekannt. Er zerstörte heidnische Heiligtümer, gründete viele Kirchen und Klöster und schuf damit das organisatorische Fundament für die ganze deutsche Kirche. Hochbetagt begab er sich 754/755 wieder auf eine Missionierungsreise nach Friesland, wo er bei Dokkum in einen Hinterhalt geriet und getötet wurde. Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde er aber nicht an seinem Bischofsitz in Mainz, sondern in dem von ihm gegründeten Kloster in Fulda begraben. Zu seinen Ehren vollziehen sich bis heute im Bistum Fulda Bonifatiuswallfahrten. 

Bonifatiusfest in Fulda
Bonifatiusfest in Fulda, Foto: gemeinfrei

Im Jahr 1855 fand auf Einladung des Mainzer Bischofs Emanuel von Ketteler zum 1.100 Todestag des Heiligen eine riesige Bonifatiusfeier vom 5.-12. Juni 1855 zunächst in Fulda und dann im Anschluss vom 14.-21. Juni 1855 in Mainz statt. Die zeitgenössischen Quellen berichteten damals von 40.000 – 50.000 Teilnehmern in Mainz, allein 13.000 Teilnehmer kamen über die Rheinbrücke und mussten dafür sogar Brückengeld bezahlen.

Die Mainzer Schiffsbrücke 1870
Die Mainzer Schiffsbrücke 1870, Foto: gemeinfrei

Die Obrigkeit sah jedoch in großen und überregionalen Wallfahrten häufig eine Gefährdung der Sittlichkeit und eine Beeinträchtigung der Wohlfahrt des Landes. Es wurden in vielen Regionen Wallfahrtsverbote erlassen. So kann man beispielsweise in der Wallfahrtsverordnung der kurhessischen Regierung vom 29. März 1822 u. a. nachlesen:

„Um die Nachteile zu verhüten, welche das öffentliche Wallfahrten in missbräuchlicher Ausdehnung für das Hauswesen, die Sitten und die wahre Religiosität, auch für die öffentliche Ordnung und Sicherheit mit sich führen, haben Seine Königliche Hoheit der Kurfürst zu bestimmen geruht, dass die öffentlichen Wallfahrten ins Ausland, so wie feierliche und haufenweise Durchzüge ausländischer Wallfahrer gar nicht mehr Statt finden.“

Wenn man diese Zeilen liest, fragt man sich doch, was auf diesen Wallfahrten tatsächlich alles passierte.

Auch in Zeiten der Not und der Krisen bestand in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Trost und Segen, so dass sich viele regionale Wallfahrtsstätten entwickelten. So war beispielsweise die Bevölkerung Gonsenheims Anfang des 18. Jahrhunderts durch eine Pestepidemie halbiert worden und zusätzlich wurde durch eine Viehseuche noch der Viehbestand stark dezimiert. Man gelobte daher 1729 den Bau einer Kapelle zu Ehren der Vierzehn Nothelfer, wenn die Schrecken bald aufhörten.

Die Vierzehn Nothelfer sind eine Gruppe von männlichen und weiblichen Schutzheiligen, die im zweiten bis vierten Jahrhundert im griechisch-byzantinischen Raum lebten. 

Die 14 Nothelfer in der barocken Kirche von Eitensheim
Die 14 Nothelfer in der barocken Kirche von Eitensheim, Foto: gemeinfrei

Sie wurden seit dem späten Mittelalter vom Volk verehrt und konnten gegen Krankheiten und allgemeine Not angerufen werden. Bei den Vierzehn Nothelfern handelt es sich um Achatius, Ägidius, Barbara, Blasius, Christopherus, Cyriakus, Dionysius, Erasmus, Eustachius, Georg, Katharina, Margareta, Pantaleon und Vitus. Jeder dieser Heiligen wurde mit unterschiedlichen Attributen dargestellt und war für unterschiedliche Bereiche zuständig. Blasius war beispielsweise als Helfer gegen Halskrankheiten bekannt, Dionysius konnte bei Kopfschmerzen, Gewissensunruhe und Seelenleiden helfen, Erasmus war für die Beseitigung von Bauchweh und Unterleibskrankheiten zuständig.

Die Vierzehn-Nothelfer-Tradition in Gonsenheim weist eine wechselvolle Geschichte auf. Die erste Vierzehn Nothelferkapelle am Rande des Lennebergwaldes in Gonsenheim wurde 1732 fertiggestellt, 1795 aber durch plündernde Soldaten in Brand gesteckt und zerstört. Als 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig die französischen Soldaten in Mainz lagerten, brachten sie Typhus mit. Die Bevölkerung von Gonsenheim wurde auch von dieser Seuche erfasst, und man beschloss deshalb, in dieser Notlage die Vierzehn Nothelferkapelle wieder aufzubauen. Sie wurde dann 1816 durch den Mainzer Bischof Joseph Ludwig von Colmar geweiht. Nachdem dieser zweite Kapellenbau 1892 wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste, wurde 1894 ein weiterer Neubau der Vierzehn Nothelferkapelle in Auftrag gegeben. Dieses Gebäude wurde Anfang der 1970er Jahre umfassend renoviert und ist uns heute als Vierzehn Nothelferkapelle in Mainz Gonsenheim bekannt.

Die 14-Nothelfer-Kapelle in Mainz-Gonsenheim
Die 14-Nothelfer-Kapelle in Mainz-Gonsenheim, Foto: Katja Campe

Bildunterschrift: Die 14-Nothelfer-Kapelle in Mainz-Gonsenheim, Foto: Katja Campe

Die Nothelfer-Wallfahrt in Gonsenheim blickt heutezutage auf eine bald 300-jährige Tradition zurück und wird normalerweise am dritten Sonntag nach Pfingsten gefeiert. Das wäre 2021 der 13. Juni, und in Zeiten ohne Pandemie läuft dieser Tag so ab: Die Gemeindemitglieder und Wallfahrteilnehmer treffen sich morgens in der Pfarrkirche St. Stephan. Von dort aus ziehen die Wallfahrer in einer Prozession zu der etwa 1,2 km entfernten Vierzehn Nothelferkapelle. Dabei wird das Nothelfer Lied mit folgendem Refrain gesungen:

„O, ihr auserwählten Seelen,

die wir uns zu Freunden wählen

und zu Helfern in der Not,

fleht bei Gott um alle Gaben,

die wir Menschen nötig haben,

in dem Leben und im Tod.“

Vor Ort gibt es dann einen Festgottesdienst und anschließend ein gemeinsames Mittagessen. Zum Abschluss feiern die Wallfahrer am frühen Nachmittag noch eine Andacht an der Vierzehn Nothelferkapelle.

Mainz ist also ein Wallfahrtsort mit einer langen Tradition von lokal verbundenen Wallfahrten und auch überregionalen großen Feierlichkeiten in der Vergangenheit.

Autorin: Katja Campe

Literatur:

Christof Feußner und Anja Schneider, Flehlappe, Käsbrot und Batzekuche. Wallfahrten und Andachtsstätten in der Stadt Mainz ; eine Bestandsaufnahme (= Neues Jahrbuch für das Bistum Mainz, 2000), Mainz 2000.

Siegfried Weichlein, Die Bonifatiustradition im 19. und 20. Jahrhundert, in: Bonifatius : vom angelsächsischen Missionar zum Apostel der Deutschen ; zum 1250. Todestag des heiligen Bonifatius ; Katalog zur Ausstellung 3. April bis 4. Juli 2004, Petersberg 2004, 68–82.