Verführung zum Inzest: Lot und seine Töchter

Darstellungen von Inzest, Vergewaltigung, Entführung oder Mord zu schaffen, zu kaufen und in privaten Räumen zu präsentieren, mag uns heute zutage merkwürdig erscheinen. Wenn nackte Haut zu sehen ist, sind die Aktstudie und das „Pin up“ die bekannten Kategorien. Letztgenannte werden allerdings eher auf der Innenseite von Schranktüren angebracht, und die ersteren werden sorgfältig von so genannter „erotischer Kunst“ unterschieden. In welchem Kontext sind die Werke entstanden, die wir Ihnen unter der Überschrift „Verbrechen und Leidenschaft“ zeigen?

„Lot und seine Töchter“ war das Auftragswerk eines aus neapolitanischem Adelsgeschlecht stammenden und in Paris ansässigen Geistlichen: Abbé Laudati de Caraffa. Bekannt ist, dass er einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Straßenbeleuchtung leistete: Er auf kam auf die Idee, Fackeln und Laternen zu vermieten, um die bis dahin bei Nacht völlig dunklen Straßen von Paris zu erleuchten. Daraufhin erhielt er im März des Jahres 1662 das „offizielle Privileg des königlichen Amtes“ für die alleinige Konzession für Mietfackeln und -laternen auf Dauer von 20 Jahren. Über die Person von Jérôme Laudati de Caraffa haben wir wenig Informationen. Aber es ist anzunehmen, dass er als „Unternehmer“ zu Reichtum gelangt war und es sich leisten konnte, bei einem der angesehensten Maler in Paris der damaligen Zeit –  Benedetto Gennari – ein Bild in Auftrag zu geben.

Mit der Entwicklung der Akademien im 17. Jahrhundert war auch das Interesse für das Sammeln von Kunstwerken gestiegen, und neben Kirche und Hof war bereits im 16. Jh. eine neue Sammlerschicht entstanden. Das Galeriebild war geboren. Es wurde üblich, dass auch Privatleute Aufträge an Künstler vergaben oder bei Kunsthändlern welche erwarben.

Kunst und Religion waren aufs engste miteinander verknüpft, und so lieferten Bibel und Heiligenlegenden die Themen für die Kunst. Es wundert nicht, dass sich Laudati de Caraffa als Geistlicher für ein alttestamentarisches Thema entschied. Das Motiv der Töchter Lots, die den Vater zum Inzest verführen, war in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts ein weit verbreitetes und beliebtes Motiv geworden, da man hier, wie bei ähnlichen Themen, wie z. B. ‚Susanna und die beiden Alten‘, einen legitimen Anlass zu Aktdarstellungen sah und somit den Betrachter zu sinnlicher Wahrnehmung anregte. In unserer digitalen KiM erfahren Sie im Laufe der Woche, wie nackte Körper in bewegten Szenen über die antiken Mythen Eingang in die Galerien der Kunstsammler fanden.