Theophanu: Von einer byzantinischen Prinzessin zur römisch-deutschen Kaiserin

Kaiserin Theophanu (†15. Juni 991) (*1) war eine der mächtigsten Frauen im Europa des 10. Jahrhunderts. Die junge Byzantinerin wurde vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt: Sie sollte den künftigen Kaiser Otto II. im fernen römisch-deutschen Reich heiraten. Im Vergleich zu ihrer byzantinischen Heimat blickte das Herrschaftsgebiet der Ottonen bis dato auf eine relativ junge Geschichte zurück. Theophanu traf dort nicht nur auf eine fremde Kultur und Sprache, sondern auch auf eine neue Regierungsform, das sog. Reisekaisertum.

Nicht als porhyrogenneta („die Purpurgeborene“), also im kaiserlichen Palast geborene Tochter des regierenden Kaiserpaares von Byzanz, sondern als Nichte des Usurpators Johannes I. Tzimiskes (~ 924 – 976), wurde Theophanu dort wahrscheinlich großgezogen (*2).

Krönung Kaiser Tzimiskes. Chronik des Johannes Skylitzes © Scan aus Buch: Evangelos Chrysos, Otto der Große aus byzantinischer Sicht, in: Matthias Puhle (Hrsg.): Otto der Große. Magdeburg und Europa, S. 481-488, hier: S. 487.
Krönung Kaiser Tzimiskes. Chronik des Johannes Skylitzes © Scan aus Buch: Evangelos Chrysos, Otto der Große aus byzantinischer Sicht, in: Matthias Puhle (Hrsg.): Otto der Große. Magdeburg und Europa, S. 481-488, hier: S. 487.

Allerdings sind die genauen Umstände ihrer Kindheit nicht bekannt. Der Feldherr Konstantinos Skleros und seine Frau Sophia Phokaina gelten in der Forschung als ihre mutmaßlichen Eltern (*3). Die Wahl einer nicht purpurgeborenen Braut für den ottonischen Kaiserthronnachfolger empfanden einige jedoch als politischen Affront (*4). Johannes Tzimiskes schlug keine legitime Nachkommin vor, da er selbst keine Kinder hatte (*5). Obwohl Kaiser Otto I. sich bereits zum dritten Mal um eine Prinzessin aus Byzanz für seinen Sohn Otto II. bemühte, verstand er, dass die Nicht-Purpurgeborene mit dem Regierungswechsel von Nikephoros II. (912 – 969) zum Tzimiskes als neuer politischer Status quo zu verstehen war (*6). Otto I. akzeptierte Theophanu (*7).

Wenn wir den Berichten der zeitgenössischen Quellen Glauben schenken, erreichte Theophanu im Jahr 972 mit großem Gefolge und prächtigen Schätzen die italienische Stadt Benevent und traf dort auf den Bischof von Metz, Theoderich, der sie bis nach Rom begleitete. Am 14. April 972 wurde sie in der römischen Peterskirche gesalbt, gekrönt und erhielt den Titel der coimperatrix sowie der augusta. Theophanu wurde dadurch zur Mitstreiterin im sog. consortium imperii, zur Teilhaberin der Macht im Reich der Ottonen. In der prunkvoll gestalteten Heiratsurkunde wurden ihr im Rahmen ihrer Morgengabe Gebiete in Italien, am Rhein und in Thüringen zugesprochen. 

Sogenannte Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu, 972 ©Wolfenbüttel, Niedersächsisches Landesarchiv –Abteilung Wolfenbüttel, 6Urk Nr. 11
Sogenannte Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu, 972 ©Wolfenbüttel, Niedersächsisches Landesarchiv –Abteilung Wolfenbüttel, 6Urk Nr. 11

Auf dem Weg von Rom in den Norden wurde das junge Kaiserpaar von großem Gefolge begleitet und machte u.a. in der angesehenen Reichsabtei St. Gallen Halt . Das häufige Reisen und die relativ kurzen Aufenthalte in den kaiserlichen Pfalzen und Klöstern gehörten zur Regierungsform der römisch-deutschen Kaiser. Anders als ihre byzantinischen Gegenspieler, die sich stets in Konstantinopel aufhielten, entwickelten bereits die früheren, fränkischen Herrscher ein Netz aus mehreren Regierungssitzen, in denen sie zeitweilig residierten. Für Theophanu, die an eine Hauptstadt gewohnt war, stellte das ständige Reisen sicherlich eine Herausforderung dar. In kurzer Zeit begriff sie aber die Wichtigkeit dieses politisch motivierten Handelns.

Rekonstruktionszeichnung des Klosters Sankt Gallen nach dem Grundriss des Sankt Galler Klosterplans aus dem frühen 9. Jahrhundert / J. Rudolf Rahn: Geschichte der Bildenden Künste in der Schweiz. Von den Ältesten Zeiten bis zum Schlusse des Mittelalters. Zürich 1876. © Wiki Commons.
Rekonstruktionszeichnung des Klosters Sankt Gallen nach dem Grundriss des Sankt Galler Klosterplans aus dem frühen 9. Jahrhundert / J. Rudolf Rahn: Geschichte der Bildenden Künste in der Schweiz. Von den Ältesten Zeiten bis zum Schlusse des Mittelalters. Zürich 1876. © Wiki Commons.

Obwohl Kaiser Otto I. Theophanu in ihrer Funktion als künftige Herrscherin legitimiert hatte und sich ihr gegenüber als zuverlässiger Förderer zeigte, erweckte Theophanu als Fremde viel Neid, denn sie verfügte über andere Bildung und Sitten als ihr neues Umfeld (*8). Im Westen herrschte zu dieser Zeit ein generelles Misstrauen den „Griechen“ (Byzantinern) gegenüber und diesem war auch Theophanu ausgesetzt. Allmählich entbrannte zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter, Adelheid von Burgund († 16. Dezember 999), ein Machtkonflikt um die Funktion der Fürsprecherin (sog. Intervention) im Prozess der Urkundenerstellung. Mit dem Tod von Otto I. im Jahre 973 verlor Theophanu ihren wichtigsten Verbündeten am Hofe. Adelheid erhob stärker denn je ihre Machtansprüche und verband sich mit dem bayrischen Herzog Heinrich dem Zänker († 28. August 995) gegen das junge Kaiserpaar. Dennoch sicherten sich Otto II. und Theophanu das Vertrauen ihrer Verbündeten beim Reichstag in Worms 973 und bereisten im Anschluss das Land gemeinsam, um neue Allianzen zu schließen und alte zu stärken. Dabei zeigte Theophanu trotz ihres jungen Alters ein diplomatisches Geschick und die Fähigkeit, in politischen Verhandlungen als aktive Mitsprecherin erfolgreich zu agieren.

Die gemeinsamen Regierungsjahre von Otto II. und Theophanu waren von heftigen Konflikten und Gefahren der Territorialverluste geprägt, zumal Heinrich der Zänker und der westfränkische König Lothar (†2. März 986) die Gebiete des Reiches angegriffen hatten. Weitere militärische Attacken erfolgten im Osten (Slawen) und Süden des Reiches (Sarazenen, Byzantiner).

In dieser turbulenten Zeit gebar Theophanu neben mehreren Töchtern Zwillinge, von denen nur der Junge überlebte. Der dreijährige Otto III., der bereits in seinem jungen Alter auf Reisen ging, wurde als Thronfolger in Verona gewählt und sollte an Weihnachten 983 in Aachen gekrönt werden. Unerwartet verstarb im selben Jahr, kurz vor seiner Krönung, sein Vater an Malaria. Für die junge Kaiserin Theophanu änderten sich dadurch die politischen Umstände gravierend. Denn die Frage ihrer Regentschaft war nicht eindeutig definiert. Als Vormund ihres Sohnes, also als patronus legalis, kam nur der nächste männliche Verwandte und frühere politische Gegner, Heinrich der Zänker, in Frage. Während Heinrich aktiv versuchte, sich des kaiserlichen Thrones zu bemächtigen, wurde ihm der kleine Otto übergeben (*9). Erst mit Hilfe der ehemaligen Kaiserin Adelheid und des Erzkanzlers Willigis (Erzbischof in Mainz) konnte das Kind 984 zurück zur Mutter gebracht und die Regentschaft in die Hände von beiden Frauen, Adelheid und Theophanu, gelegt werden (*10).

Elfenbeintafel mit Maiestas Domini und huldigendem ottonischem Kaiserpaar, 983/984, Civiche Raccolte d’Arte Applicata – Castello Sforzesco, A15. Raccolte d'Arte Applicata del Castello Sforzesco, Milano
© Comune di Milano, tutti i diritti riservati.
Elfenbeintafel mit Maiestas Domini und huldigendem ottonischem Kaiserpaar, 983/984, Civiche Raccolte d’Arte Applicata – Castello Sforzesco, A15. Raccolte d’Arte Applicata del Castello Sforzesco, Milano
© Comune di Milano, tutti i diritti riservati.

Auf dem Elfenbeintäfelchen, das wahrscheinlich in diese Zeit datiert wird, sehen wir das Kaiserpaar Theophanu und Otto II. mit ihrem kleinen Sohn Otto III. zu Füßen Jesu als Majestas Domini. Laut Katharina Bull könnten die mit Velis bedeckten Hände beider Engel einen ikonographischen Hinweis auf den Tod des dargestellten Kaisers Otto II. liefern, so wie es in der byzantinischen Bildtradition überliefert ist (*11).
Bis heute wird darüber diskutiert, wie stark Theophanus Partizipation an der kaiserlichen Macht war und in wieweit ihre politischen Handlungen in die Tat umgesetzt wurden. Gemessen an der Anzahl der von ihr initiierten Urkunden scheiden sich die Geister der Wissenschaft. Während einige in der geringen Urkundenzahl das andauernde Misstrauen der Kaiserin gegenüber sehen, sind andere von ihrer starken Machtposition überzeugt (*12). Ferner wird untersucht, in wieweit Theophanu an der Stärkung der Reichskirche beteiligt war, und ob ihre religiösen Stiftungen politisch motiviert waren. Darüber hinaus bildet die Frage der Memorialkultur über ihre Person einen interessanten Untersuchungsaspekt. Auch hier sind deutliche Grenzen zwischen den weiblichen Vertretern der sächsischen Adelsgeschlechter, die heiliggesprochen wurden, und Theophanu, die vergleichbar deutlich weniger in der Erinnerung verblieb, klar gezogen (*13).

Quellenangaben:
(*1 – Titel) AK: Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht, Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa, Bernd Schneidmüller (Hrsg.), Darmstadt 2020, S. 158.
(*2) Hawicks, Heike: Theophanu, in: Die Kaiserinnen des Mittelalters, Amalie Fößel (Hrsg.), Regensburg 2011, S.61.
(*3) Wolf, Gunther: Satura Mediaevalis, Ottonenzeit, Bd. II., Heidelberg 1995, S. 275.
(*4) Zitat nach Thietmar: „Es waren da Einige, welche diese Verbindung beim Kaiser zu hintertreiben suchten und riethen, die Prinzessin wieder zurück zu schicken.“ In: Thietmarus, Merseburgensis, 975-1018, Die Chronik Thietmar’s, Bischofs von Merseburg, Laurent, Johann C. M (Hrsg.): Berlin 1848, S. 38. https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb10015843_00005.html (Zugriff: 19.03.2021.)
(*5) Hawicks, S.60.
(*6) Ebd. S.62.
(*7) Ebd. S.63.
(*8) Wangerin, Laura: Empress Theophanu, Sanctity, and Memory in Early Medieval Saxony, in: Central European History, Bd. 47, Nr. 4 (Dezember 2014), S. 716.
(*9) Otto III. – Heinrich II.: eine Wende?, Bernd Schneidmüller / Stefan Weinfurter (Hrsg.), in: Mittelalter-Forschungen, Bd. 1, Sigmaringen 1997, S.100.
(*10) Hawicks, S.68.
(*11) AK: Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht, S. 212.
(*12) Hawicks, S.69.
(*13) Wangerin, S.717.

Text:
Agnes Cibura