Tableau vivant oder „Lebende Bilder“

… sind heute in den social media eine fancy challenge. Es ist ein ganz großer Spaß spontan oder auch nach akribischer Vorbereitung mit Schminke, Verkleidung und Dekorationen das Gemälde eines alten Meisters oder auch eine Skulptur selber nachzustellen und dann in den social media zu posten. Welch eine verrückte neumodische Idee! Oder?

@kro_illustrations auf Instagram als Walter von der Vogelweide Bildnachweis: die linke Darstellung entstammt dem Codex Manesse https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848

 

Die Idee der Tableau vivant hat aber eine lange Tradition. Bereits im 15. Jahrhundert hat man es zu großen Festen in Italien sehr geschätzt, dass zu Ehren und zur Huldigung des Herrschers und auch zur Verdeutlichung der kirchlichen Lehre große Festarchitekturen wie Triumphbögen und Göttergruppen nach antiken Vorbildern, Tiere oder Ähnliches errichtet wurden.

Eine Ehrenpforte kann man auch heute noch erbauen, zum Beispiel am Portal einer Kirche für ein Hochzeitspaar – wichtig ist, dass sie wieder abgebaut wird, also vergänglich ist.
Diese nur für kurze Zeit bestehenden, sogenannten ephemeren Bauten wurden aus Eisengestellen erbaut, mit Leinwand überzogen und dann prächtig mit Stuck, Pappmaché und Farbe ausgestaltet. Es gab auch Festarchitekturen, in die Musiker gesetzt wurden, die den ganzen Tag lang eigens für das Fest komponierte Musik spielten. Abends wurden dann häufig von diesen ephemeren Bauten Feuerwerke abgebrannt.
Manche dieser Gebilde waren sogar durch mechanische Vorrichtungen beweglich.

Auf diesem Stich von Francois Collignon sieht man ein Gefährt zu einem Fest am 25. Februar 1634.

 

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich diese Tradition weiter, in wohlhabenden adeligen und bürgerlichen Kreisen war es chic, zur Unterhaltung und auch zur Erziehung der Kinder bekannte Gemälde nachzustellen. Lady Hamilton, eine Schönheit und Künstlerin, wurde damals mit ihren Darstellungen antiker Statuen und Gemälde als Tableau vivant europaweit bekannt und berühmt, sie wurde bereits zu Lebzeiten vielfach porträtiert und nachgeahmt.

Lady Hamilton als Bacchantin, Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1790–1791

In Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ wurden lebende Bilder als ein beliebtes Gesellschaftsspiel vorgestellt. Goethe selber sammelte Drucke und Graphiken als Vorlage für solche Tableau vivant und organisierte auch lebende Bilder bei Weimarer Festen.

In der Karnevalszeit aber wurden die Bauten für die „Fünfte Jahreszeit“ – wie hier eine Narrenburg in einem der ersten Kölner Karnevalsumzüge von 1825 – integraler Bestandteil einer Welt, die nur für Tage existierte und in der die Herrschenden ganz offiziell ihr Fett weg bekamen.

Jodocus Schlappel: Maskenumzug 1825, Blatt 7 / 7

Bei uns heißt Karneval „Fastnacht“. Noch heute erstellen unsere Wagenbauer für die Fastnachts-/ Karnevalsumzüge aus Draht, Pappmaché und Farbe große ephemere Bauten, die beweglich sind und durch die Städte gefahren werden. Auch diese Umzüge werden von extra für dieses Fest komponierte Musik begleitet, allerdings sperren wir heute unsere Musiker nicht mehr in die Festbauten ein und die Prunkwagen werden abends nicht mehr zum Abbrennen eines Feuerwerks genutzt. Wir huldigen damit auch nicht mehr unseren Herrschern, sondern wir karikieren und verspotten sie manchmal.
Diese Kunstform der Tableau vivant oder der lebenden Bilder hat also eine lange Tradition und wird von den Menschen nicht nur in den social media, sondern mit ephemeren Bauten auch in der Fastnacht bzw. im Karneval gerne gefeiert.
In diesem Sinne – trotz Corona – eine tolle Kampagne bzw. Session!

Helau und Alaaf!