Ornament und Figur: Herbstliche Bäume von Strathmann

Der Herbst mit seinen kräftigen Farbschattierungen begeisterte Generationen von Malern, auch den 1866 in Düsseldorf geborenen Carl Strathmann. Nach seiner nicht beendeten Ausbildung an der Kunstakademie in seiner Heimatstadt wechselte der junge Künstler zunächst an die Kunstschule in Weimar, wo er bei dem berühmten Realisten Leopold von Kalckreuth lernte. Später wechselte er nach München, der Ort, der sein Lebensmittelpunkt bleiben sollte. Das Gemälde „Herbstliche Bäume“ entstand während seiner ersten Jahre in der bayerischen Hauptstadt um das Jahr 1902. Es gehört zu seinen frühesten Versuchen auf dem Gebiet der reinen Naturdarstellung.

Im Bildvordergrund blickt der Betrachter auf eine Wiese und einen einfachen Zaun aus unregelmäßigen Holzlatten. Unmittelbar dahinter befinden sich zwei riesige Bäume im Gegenlicht vor einem grellgelben Himmel. Sie haben das meiste Laub bereits abgeworfen. Ihre reich verzweigten Äste breiten sich in alle Richtungen aus und dominieren die Bildkomposition. Dennoch ist die Baumart nicht zu identifizieren. Die Farbpalette zeigt die herbstliche Jahreszeit in all ihren Nuancen durch die Verwendung von Braun, Rot, Orange und Gelb. Die in dunklen Brauntönen gemalten Äste heben sich mit ihrer Silhouette vor der hellen Färbung des Hintergrundes stark ab. Dieser wurde in Gelb mit partieller Beimischung von Grau auf dem Bildträger äußerst dünn aufgetragen. Stellenweise arbeitet Strathmann mit einem pastosen Farbauftrag und intensiviert dadurch die dreidimensionale Wirkung seiner Komposition. Das zeigt sich vor allem an den unregelmäßigen Holzlatten des Zaunes sowie an den Baumstämmen, wo der Künstler die Farbe äußerst dick aufträgt. An anderen Stellen arbeitet er mit sehr feinen Pinselstrichen und bringt damit grafische Elemente ein. In dieser Aufmerksamkeit für Details offenbart sich sein zeichnerisches Talent.

Das Bild „Herbstliche Bäume“ ist von einer naturgetreuen Darstellung weit entfernt. Um die Jahrhundertwende kommen mit dem Symbolismus auch in der Landschaftsmalerei neue Bildinhalte auf, die immer weniger von der Idee der reinen Naturdarstellung getragen sind. Durch Verwendung von ornamenthaften Strukturen und den Einsatz von teilweise unrealistischen Farben appellieren die Maler des Symbolismus an die Stimmung ihres eigenen Ichs und die des Bildbetrachters. Die seelische Verfassung wird zum eigenen Bildthema hinter dem Motiv. Gemäß der Forderung des französischen Dichters Jean Moréas in seinem symbolistischen Manifest von 1886 zu einer Rückkehr zur Transzendenz und der Ablehnung des Sichtbaren oder Erkennbaren in der Literatur und Kunst, ist die Entschlüsselung dieser Inhalte weder einfach noch eindeutig.

Die Art und Weise wie Strathmann sein Hauptmotiv, die monumentalen Bäume, behandelt, zeigt, dass er seiner Landschaft symbolhaften Charakter verleiht. Eine beinahe übernatürliche Kraft geht von den Bäumen aus, die sich mit ihren weit verzweigten Ästen wie das Adersystem eines Organismus über die gesamte Bildfläche ausbreiten. Welche Stimmung Strathmann in sein Bild hineingelegt hat, lässt sich nur erahnen. Ob es sich um Lebensangst handeln könnte oder eher Melancholie zum Ausdruck kommt, bleibt dem Betrachter überlassen. 

Zu Beginn seiner Karriere ist Carl Strathmann vor allem mit seinen stark an die japanische Kunst angelehnten Ornamenten, die er immer wieder in seine Bilder integrierte, bekannt geworden. Die Vorliebe für das Dekorative, die man auch bei den „Herbstlichen Bäumen“ entdecken kann, pflegte er gänzlich nach seinen eigenen Regeln. Sein Freund, Lovis Corinth, zweifelte daher an, ob Strathmanns Talent als Zeichner und Maler je auf ein größeres Publikum treffen würde, denn die meisten sahen Strathmann im Bereich des Kunsthandwerks angesiedelt. Auch die Verbindung eines Ornamentes mit der Figur in einem Bild wurde von der Forschung als ein grotesker oder bizarrer Wesenszug angesehen. Trotz dieser Eigenart und einiger Schwierigkeiten beim Publikum richtig anzukommen, hielten einige seiner Zeitgenossen Strathmann für einen erfolgreichen Künstler. Der zeitgenössische Kunsthistoriker Walter Rothes bezeichnete Strathmanns Werke als „originell“ und „sonderlich“, und das nicht im negativen Sinne. Rothes sah die Ursprünge der Strathmannschen Kunst in der Tradition der englischen oder belgischen  verwurzelt, nah an Aubrey Beardsley und Jan Toorop.

Autorinnen: Agnes Cibura und Karoline Feulner

Literatur:

Corinth, Lovis: Carl Strathmann, in: Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Heft1, Berlin (1903), S. 255-263.
Rothes, Walter: Carl Strathmann, in: Die Kunst für alle, Heft 29, München 1913/14, S. 505-516.
Hofstätter, Hans H.: Geschichte der europäischen Jungendstilmalerei, Köln 1965.
Hiesinger, Kathryn Bloom: Die Meister des Münchner Jugendstils, München 1989.
Kirchberger, Nico: Carl Strathmann, Jugendstil skurril, München 2019.