Keramik als Aspekt der Moderne

„Moderne“ – seit dem Impressionismus bezeichnet der Begriff die Avantgarde. Um 1900 begegnet er uns als „Art nouveau“, „Modern style“ und „Jugendstil“. Gemeint sind zunächst die kulturell-künstlerische Reformbewegung und in der Folge so unterschiedliche Richtungen wie Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus und der Surrealismus.
In Architektur und Design steht der Begriff der Moderne für Funktionalismus und in den 1950er und 1960er Jahren für eine Entwicklung zur Werkorientierung und Reinheit des jeweiligen Mediums.

Keramik als ein Aspekt der Moderne bezeichnet eine künstlerische Aussage eigener Art, die so nur im Medium Ton möglich ist und vermittels seiner Materialeigenschaften seine besondere Ausprägung erfährt. Der Werkstoff Ton wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seiner Eigenart immer mehr zum Kommunikationsträger für den künstlerischen Ausdruck.

 

Walter Popp, Vase 1965 (Inv.-Nr. 00197-1.009)/ Vase 1963 (Inv.-Nr. 00197-968)© Ralf Ziegler
Walter Popp, 1913 (Bunzlau) –1977 (Kassel) Vase, 1965 (Inv.-Nr. 00197-1.009) Steinzeug, gedreht – montiert, Reduktionsbrand im Elektro-Ofen bei ca. 1.260 – 1.280°C, Höhe 51 cm, Durchmesser 8,5/9,5 cm Vase, 1963 (Inv.-Nr. 00197-968) Steinzeug, gedreht, Reduktionsbrand im Elektro-Ofen bei ca. 1.260 – 1.280°C, Höhe 52 cm, Durchmesser 10 cm © Ralf Ziegler

Walter Popp (1913-1977) wirkte stilbildend durch das eigene Werk, die Entwicklung der Gefäßmontage, die in Verbindung mit seiner als malerisch zu bezeichnenden Glasuranwendung zur freiplastischen Keramik führte, und durch seine als interdisziplinär zu bezeichnende Lehrtätigkeit. Er vermittelte seinen Schülern der sog. „Kasseler Schule“ neben technischen und formalen Kenntnissen eine für die eigene schöpferische Auffassung bzw. Tätigkeit unabdingbare geistige Haltung.

Töpferscheibe, Ton und Glasur – handwerklich vorgegeben – waren die technischen Hilfsmittel, mit denen er „komponierte“, seine künstlerischen Vorstellungen umsetzte und neue Formulierungen fand. Konstruktionen gleicher wie auch unterschiedlicher stereometrischer Körper wurden zu Figurationen von polyphonem Zusammenklang.

Ein traditionelles Formenrepertoire war die Klaviatur, auf der er den Bedeutungswandel des traditionellen Gefäßes über die Entwicklung der Gefäßmontage vorantrieb, an deren Ende die freiplastische Keramik stand.

 

Ingeborg Assoff, 1919 (Bochum) – 1998 (Bochum) und Bruno Asshoff, 1914 (Essen) – 2003 (Bochum) „Gruppe“, 1970 (00197-91) Steinzeug, gedreht – montiert, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.200°C Abmessungen 35 x 10,5 x 9,5 cm © Ralf Ziegler
Ingeborg Assoff, 1919 (Bochum) – 1998 (Bochum) und Bruno Asshoff, 1914 (Essen) – 2003 (Bochum)
„Gruppe“, 1970 (00197-91)
Steinzeug, gedreht – montiert, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.200°C
Abmessungen 35 x 10,5 x 9,5 cm © Ralf Ziegler

Als Stilmittel wurde die Montage gedrehter Einzelelemente, für die das Motiv der „Endlosen Säule“ von Brâncusi aus dem Jahr 1937/38 vielleicht Pate gestanden hat, in der Keramik ab Ende der sechziger Jahre öfter auch von anderen Künstlern eingesetzt. Ingeborg und Bruno Asshoff (1919-1998/ 1914 – 2003) schufen Reihungen von neben- und hintereinander gestaffelten, formal identischen Vasentypen unterschiedlicher Größe.

 

Beate Kuhn, 1927 (Düsseldorf) – 2015 Plastik „Begegnung“, 1968 (00197-752) Steinzeug, gedreht – montiert, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.240°C Abmessungen 41 x 37 x 21 cm © Ralf Ziegler
Beate Kuhn, 1927 (Düsseldorf) – 2015
Plastik „Begegnung“, 1968 (00197-752)
Steinzeug, gedreht – montiert, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.240°C
Abmessungen 41 x 37 x 21 cm © Ralf Ziegler

Beate Kuhn (1927-2015) erweiterte ihre Kombinationen gleicher Formelemente, die seriellen Reihungen, um das Rhythmische des Bewegungsablaufes – das Bewegungsmoment.

Mit seiner Vorstellung, aus Drehformen „Klangkörper“ bzw. freie Kunstwerke zu komponieren und der unkonventionellen Art seiner Montagen gab Popp „den entscheidenden Anstoß zur freien Gestaltung in der deutschen Keramik.“

Und wie auf seinem künstlerischen Weg beschritt Popp auch in der Lehre andere Wege als gewohnt. Es ging ihm nicht um die Vermittlung bestimmter Formvorstellungen, sondern darum seine Schüler zu befähigen, die eigenen schöpferischen Möglichkeiten zu erkennen und zu entfalten.
Er kam zum Beispiel mit einem Grammophon und Schallplatten mit Musik von Luigi Nono oder Karl-Heinz Stockhausen in die Keramikklasse, um den Studenten „Montagen in der Musik“ vorzustellen. Und die meisten seiner Schüler haben sich dann neben der Gestaltung gedrehter und aufgebauter Gefäße mit Skulpturen und Objekten beschäftigt.

Pars pro toto sei auf Konrad Quillmann, Dieter Crumbiegel und Robert Sturm verwiesen.

 

Konrad Qillmann, 1936 (Berlin) – 2002 (Ostheim) Objekt „Mondsichel“, um 1967 (Inv.-Nr. 00197-1.040) Steinzeug, gebaut, Abmessungen 17 x 18,5 x 5 cm © Christian Grusa
Konrad Qillmann, 1936 (Berlin) – 2002 (Ostheim)
Objekt „Mondsichel“, um 1967 (Inv.-Nr. 00197-1.040)
Steinzeug, gebaut,
Abmessungen 17 x 18,5 x 5 cm © Christian Grusa

Von Konrad Quillmann, der neben der Bildhauerei bei Popp Keramik studierte, ist der Weg zur freien künstlerischen Gestaltung am Beispiel des Objektes „Mondsichel“ aus dem Jahr 1967 nachzuvollziehen.

 

Dieter Crumbiegel, 1938 (Essen) Objekt, um 1970 (Inv.-Nr. 00197-389) Steinzeug, gebaut, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.280°C, Höhe 25,5 cm, Breite 28 cm, Tiefe 19 cm © Christian Grusa
Dieter Crumbiegel, 1938 (Essen)
Objekt, um 1970 (Inv.-Nr. 00197-389)
Steinzeug, gebaut, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei 1.280°C,
Höhe 25,5 cm, Breite 28 cm, Tiefe 19 cm © Christian Grusa

Dieter Crumbiegels „Form-Erfindungsgabe“ ist durch das Objekt aus der Zeit um 1970 dokumentiert. Die Verbindung von malerischer Aussage und skulpturalem Aspekt verweist auf seine Herkunft von der Malerei.

 

Robert Sturm, 1935 (Bad Elster/Sachsen) – 1994 (Fulda) Plastik, um 1980/82 (Inv.-Nr. 00197-1.429) Steinzeug, gebaut, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei ca. 1.210°C, danach im Meilerofen reduziert, Höhe 30,5 cm, Breite 24,5 cm, Tiefe13,5 cm © Christian Grusa
Robert Sturm, 1935 (Bad Elster/Sachsen) – 1994 (Fulda)
Plastik, um 1980/82 (Inv.-Nr. 00197-1.429)
Steinzeug, gebaut, Oxidationsbrand im Elektro-Ofen bei ca. 1.210°C, danach im Meilerofen reduziert,
Höhe 30,5 cm, Breite 24,5 cm, Tiefe13,5 cm © Christian Grusa

Robert Sturms Oeuvre zeigt den Bildhauer. Die Plastik aus dem Jahr 1980/82 kennzeichnet mit den rauen und schrundigen Oberflächen aus dem Meiler- und Rakubrand die Weiterentwicklung seiner bildhauerischen Sprache im Medium Ton.

 

Jakob Wilhelm Hinder und Walter Popp 1971 in Deidesheim © Archiv Lotte Reimers-Stiftung
Jakob Wilhelm Hinder und Walter Popp 1971 in Deidesheim © Archiv Lotte Reimers-Stiftung

Jakob Wilhelm Hinder sah das außerordentlich Neue und unterstützte sowohl Walter Popp als auch die Kasseler Studenten durch Ankäufe und Aufnahme dieser Arbeiten in seine Schau- und Vorbildsammlung – das spätere Museum für Moderne Keramik, Deidesheim – und empfahl sie seinen Kunden, den neuen Sammlern. Hinder stand mit Walter Popp in ständigem Kontakt und publizierte in unregelmäßigen Abständen von 1965 bis zu seinem Tod – Jakob Wilhelm Hinder (*1901) starb am 1.1.1976 – über den Lehrer aus Kassel und seine Schüler.

Dazu Dieter Crumbiegel 2009: „Das wohl sicher Faszinierende an dieser Keramik ist ihre Situation des Übergangs vom Gebrauchsgefäß zur freien Kunst.“ Die neuen Objekte sind keine klassische Keramik und auch noch keine künstlerischen Objekte, es entstehen vielfältige neue Schöpfungen und man hielt sich nicht an Formvorgaben aus der bildenden Kunst bzw. Bildhauerei.
Auf diese Weise entstand weder ein Ismus, noch eine Stilrichtung, sondern folgerichtig eine Wertschätzung des Materials Ton als künstlerisches Gestaltungs- und Ausdrucksmittel. Im Feld der Moderne ist das ein Gegenpol zum Grundsatz des Bauhauses „form follows function“ und die beachtliche Emanzipation vom Begriff der „Angewandten Kunst“.

Text: Ellen Löchner und Ingrid Vetter