Kein Weihnachtsmärchen (Teil 2)

Falls Sie den ersten Teil des “Kein-Weihnachtsmärchens” verpasst haben finden Sie ihn hier: Kein Weihnachstmärchen Teil 1 

Und so geht die Reise des Männleins weiter:

Erfrischt wachte das Männlein auf. Seine feinen Ohren hatten etwas gehört – Musik! Es kletterte aus dem Herbstbild und folgte seinem Gehör. Zwei Stockwerke tiefer wusste es, dass es auf der richtigen Spur war, die Musik war gut zu hören. Staunend schritt es durch einen Raum, in dem sich viele Bildschirme befanden, große, kleine, zum Wischen, mit Hebeln dran. Und dann sah er in einer hölzernen Vitrine wie in einem Kino zwei Räume im Inneren einer Burg. Sie schienen genau für ihn gemacht zu sein. Figürchen, nur wenig größer als er selbst, zeigten ein kleines Schauspiel: Eine wunderschöne Burgherrin nahm Abschied von ihrem Mann. Fasziniert beobachtete das Männlein die Szene wieder und wieder.

Als es sich umwandte, um von der Vitrine herunter zu springen, fiel sein Blick in eine andere Vitrine. Dort waren wohl Dinge ausgestellt, die der schönen Burgherrin gehört hatten. Tatsächlich! Ein Kamm, ein Schlüsselchen, Gewandschließen und – eine Fibel mit zwei kleinen Männlein darauf! Oder waren es Weiblein?

Dieses schöne Schmuckstück schien wohl aus Metall mit eingelegtem Glas zu bestehen. Das erinnerte das Männlein an viele andere Dinge in seiner Lieblingsabteilung unter dem Dach. Flugs rannte es los, um zu schauen, ob dort auch eine Fibel zu finden wäre. Quer durch das ganze Haus, zwei Treppen rauf. Jetzt musst es erstmal sitzen. Es gab einige elegante Stühle, aber einer war ihm besonders lieb. Denn auf den gebogenen Verzierungen aus Holz konnte es prima herunterrutschen oder sich in eine Rundung kuscheln und mit den Beinen baumeln.

 

So, jetzt konnte es weitergehen. Metall und farbiges Glas, das gab es hier oben in den verschiedensten Formen und Farben, ein Fenster schöner als das andere. Und dann gab es da noch diese herrliche Lampe. Das Männlein strich voller Bewunderung mit der Hand über das Netzmuster des filigranen Metallfußes. Wenn es in den Fuß kletterte, spannte sich der Bambuswald auf dem Lampenschirm in den schönsten Farben über ihm. Eine Weile lag das Männlein auf dem Rücken im Lampenfuß und dachte an Amerika, wo der Präsident einst so ein Lampe im Weißen Haus gehabt hatte. Der hatte Geschmack gehabt. Da hörte das Männlein leises Gezwitscher.

Ah, ich weiß!, dachte das Männlein. Nur wenig entfernt hing ein Gemälde mit Staren, die pfiffen und sangen und schwatzten. Sie saßen auf den noch kahlen Ästen eines Weidenbaumes, den Bambusstäben auf der Lampe gar nicht unähnlich. Das Männlein hüpfte ins Bild und spürte den kühlen Wind. Kein Wunder, auf den Hügeln lag ja noch Schnee. Auch wenn es ihm hier bald zu kalt wurde, genoss das Männlein immer die Lebendigkeit des Bildes, die fernen Rufe der spielenden Kinder. Die Erwachsenen verrichteten mit ruhigen Bewegungen die ersten Arbeiten im Freien unter der Frühlingssonne. Auch wenn das Männlein immer im Museum war, liebte es doch den Wechsel der Jahreszeiten. Was war das jetzt für ein Geräusch?

Sein Magen hatte geknurrt! Auf in der ersten Stock zu den alten niederländischen Gemälden, das Männlein brauchte dringend ein schön angerichtetes Stilleben. Einfach unwiderstehlich war zunächst die Zitrone, es schleckte sachte an ihrem Fruchtfleisch und genoss den frischen herben Geschmack. Hinter der Zitrone lag ein Haselnusskern, der beim Knacken der Nüsse zersprungen war. Bedächtig kaute das Männlein einige Splitter, so dass sich das süße Nussaroma entfalten konnte. Manchmal waren die einfachen Dinge die besten. Jetzt war es wieder gestärkt und voller Neugier.

Text: Ellen Löchner
Anhänger: Nadja Berghoff