Jupiter entführt Europa: Von schönen Tieren, unerwarteten Reisen und fremden Stränden

Willkommen zur vierten Folge von: Verbrechen und Leidenschaft.

Text: Christian Korte M.A., Rechtsanwalt und Sozialwissenschaftler, Mainz
Bild: Luca Giordano (1634 – 1705) zugeschrieben, Jupiter entführt Europa

Hinweis: Die rechtlichen Bewertungen sind weder vollständig noch inhaltlich über fehlerhafte Subsumtionen und Wertungen erhaben, sie dienen allein dem Gedankenspiel und der Unterhaltung.

Tiere zu beobachten liebte Europa, die phönizische Prinzessin, über alles und verbrachte daher jede freie Minute allein in den umliegenden Wäldern. Als einst Jupiter das Preisen ihrer Schönheit von Dritten vernahm, wollte er sie sofort kennenlernen – was strafrechtlich eher irrelevant ist – und ersann sich folgenden Plan, den er dann auch sogleich zur Ausführung brachte: In Gestalt eines hier dunklen, schwarzen Stieres trat er der Prinzessin entgegen, legte sich still hin auf den Boden und erregte mit seiner Schönheit schnell ihre Aufmerksamkeit. Sie trat an ihn heran und in dem Moment, als sie einem spontanen Impuls folgend sich auf seinem Rücken niederließ, sprang er auf und rannte mit ihr davon. Die Prinzessin wehrte sich und schrie verzweifelt um Hilfe, doch niemand hörte sie. Der Schilderungen nach beruhigte sie sich aber schnell und hielt sich dann ohne Angst für

den Rest der Reise an den Hörnern des Stieres fest. Die beiden erreichten nach einer Weile einen Traumstrand, heute zur Insel Kreta gehörig. An diesem Ort wollte Jupiter mit Europa leben und so entschied er sich zu Rückverwandlung: Als sie ihn seiner eigentlichen Gestalt erblickte, verliebte sich Europa unsterblich in ihn und gebar ihm in der Folge gleich drei Kinder. Jupiter hatte sich zwar mit einer List der Prinzessin bemächtigt, wollte sie aber weder „in hilfloser Lage aussetzen“ bzw. „dem Dienst einer militärischen Einrichtung im Ausland zuführen“ noch Vermögensverfügungen von Dritten erpressen oder gar die Geschädigte „durch die Verbringung in ein Gebiet außerhalb des Geltungsbereiches des Gesetzes in Gefahr politischer Verfolgung bringen“, so dass „Menschenraub“ ebenso ausscheidet wie „erpresserischer Menschenraub“ oder „Verschleppung“.

Ob das unerwartete „Loslaufen und nicht mehr stehen bleiben“ als Gewaltakt einzustufen ist, dürfte zumindest zweifelhaft sein, so dass auch „Nötigung“ eher ausscheidet. Letztlich bleibt zumindest für den Zeitraum des ungewollten Verbringens und Haltens auf dem Rücken des Stiers die darin wohl zu sehende „Freiheitsberaubung“, hier vermutlich in der Gesamtschau in einem eher minder schweren Fall. Über das Alter der Europa ist nichts näher bekannt, gehen wir zugunsten Jupiters von deren Volljährigkeit aus. Auch wollte er zwar an dem schönen Orte mit ihr leben, von Heirat war aber offenbar keine Rede, so dass Heiratsschwindel, nach deutschem Gesetz Betrug hier schon im Ansatz nicht zum Tragen kommt. Der Umstand, dass Jupiter zum Zeitpunkt der Beziehung verheiratet war und er damit die Ehe brach, führte bei allem Wohlklang der Geschichte allerdings damals wohl auch zu unzeitgemäßem Moralverhalten der Prinzessin: Durch den Vollzug des Geschlechtsakts hat sie sich der „Unzucht“ zu verantworten, auf Wissen um die bestehende Ehe ihres Geliebten kommt es hier nicht an.