Eine moderne Familie

1771 veröffentlichte Daniel Chodowiecki (1726 Danzig – Berlin 1801) auf dem Höhepunkt seines mittlerweile europäischen Ruhms eine Radierung mit dem Titel: „Cabinet d’un peintre“. Dem Betrachter kommt bei der Verwendung des Wortes „Kabinett“ zunächst noch die ältere Wortbedeutung in den Sinn, da der Künstler uns Einblick in ein wohl nicht allzu großes, jedenfalls privates Zimmer gewährt. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckt man, dass die abschließende Wand Stoß an Stoß mit Gemälden bedeckt ist. Es handelt sich also um das Gemäldekabinett eines Künstlers.

Und dies scheint der wichtigste Raum in dieser Wohnung zu sein: Der Künstler selbst sitzt an seinem Arbeitstisch am Fenster, dessen Licht er benötigt, um eine kleine Kupferplatte zu vollenden. Er hält kurz inne und wendet sich seiner Familie zu, die um einen Tisch versammelt ist. Die fünf Kinder des Paares gehen gleichzeitig verschiedenen, ihrem Alter, ihrem Geschlecht oder ihren Neigungen entsprechenden Beschäftigungen nach: Vielleicht ist es die achtjährige Suzette, die einen großen Band mit Kupferstichen aufgeschlagen hat. Ihre Schwester kümmert sich um das jüngste Geschwisterchen. Das zweitjüngste kann schon laufen und sucht die Aufmerksamkeit des größeren Bruders, der sich bereits im Zeichnen übt. Auch die Mutter ist nicht müßig; sie beaufsichtigt nicht nur die Kinder und hält dem Gatten somit den Rücken frei; mit zärtlicher Geste bestärkt sie das Wohlverhalten der einen Tochter.

Diese Familie ist sich selbst genug. Im Schutz ihrer vier Wände braucht sie niemanden sonst. Daran, dass es sich um die Chodowieckis handelt besteht übrigens kein Zweifel. Die Radierung ist signiert und trägt zudem eine Widmung an die Mutter des Künstlers in Danzig, die ihre Berliner Enkelkinder nie getroffen hat. Der Titel des Blatts „Kabinett eines Künstlers“ weist aber über die Privatheit hinaus: Chodowiecki zeigt uns nicht nur das eigene, private Glück sondern auch, wie das ideale Familienleben aussieht. Was hier durch seinen Platz am Fenster, der Verbindung zur Außenwelt, vielleicht noch angedeutet wird: er unterhielt ein Netzwerk mit anderen Kupferstechern und natürlich Verlegern sowie Händlern, die Entstehung und Vertrieb seiner über 2000 druckgrafischen Werke überhaupt erst ermöglichten.

Die Familie, bzw. die Idee der Familie als Zelle der Gesellschaft und als angemessenen Rahmen für die Existenz des Individuums stellt Chodowieckis aber ins Zentrum seiner Selbstdarstellung. Broterwerb, Freizeit, Erziehung und Beziehung fallen hier eins. Es ist wahrscheinlich, dass es bei den Chodowieckis in der Brüderstraße in Berlin so ausgesehen hat, aber ob es immer so zuging, ist eine andere Frage. Das Bild zeigt eine Idealvorstellung, es ist zwar die Schilderung des Alltagslebens des gehobenen Bürgertums, aber ebenso ein symbolisches Bild. Es zeigt nicht, wie Homeworking und Homeschooling funktionieren, sondern allenfalls, welcher Bedingungen es dafür bedarf.

Chodowiecki moralisiert hier, wie er es gerne – und erfolgreich – tat. Noch Tochter Suzette, mit einem Pfarrer verheiratet, schuf in seiner Nachfolge Gemälde wie „Die gute und die schlechte Erziehung der Tochter“ oder „Die Folgen der glücklichen und unglücklichen Ehe“ Zu allem Überfluss war diese Musterfamilie mit hugenottischen Vorfahren übrigens auch noch zweisprachig.
Unter die Künstler, die Chodowiecki zuarbeiteten oder von ihm mit Nachstichen seiner Blätter beauftragt wurden, gehört auch Johann Georg Penzel (1754 Hersbruck – Leipzig 1804), der mit seiner Kopie des Familienbilds für dessen weitere Verbreitung und Bekanntheit sorgte.

Bild:
Johann Georg Penzel nach Daniel Chodowiecki: Das Kabinett Chodowieckis, um 1780/90, Landesmuseum Mainz