Die Wände als Kunstwerk?

Unseren Sehgewohnheiten entsprechend, erscheint es uns heute selbstverständlich, dass Gemälde zumeist mit ausreichend Abstand zueinander einzeln inszeniert präsentiert werden. Damit sollen die künstlerischen und ästhetischen Besonderheiten eines jeden Werkes bestmöglich zum Ausdruck kommen können. Das war jedoch nicht immer so. Die Vorstellungen, wie in einem Museum Kunst am besten zu präsentieren ist, haben sich oft gewandelt. Sie sind abhängig vom Zeitgeschmack und von kunsttheoretischen Vorstellungen. 

Ursprünglich zeigten Fürsten, Museen und Privatsammler gerne ihren gesamten Bestand und hängten die Gemälde in mehreren Reihen übereinander. Durch diese damalige „Salonhängung“ (auch „St. Petersburger Hängung“), wollte man den Betrachter bereits durch die unglaubliche Menge an Kunstwerken in großes Staunen versetzen. Stifter und Sammler zeigten dadurch repräsentativ, was sie geleistet hatten, diese kostbaren Werke zusammenzutragen. 

David Teniers d. J. (1610 Antwerpen - 1690 Brüssel), Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel, um 1650, Kunsthistorisches Museum, Wien – Unter der Entourage des Erzherzogs ist auch sein Hofmaler David Teniers selbst abgebildet, die erläuternd gestikulierende Person ganz rechts.
David Teniers d. J. (1610 Antwerpen – 1690 Brüssel), Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel, um 1650, © Kunsthistorisches Museum, Wien / Unter der Entourage des Erzherzogs ist auch sein Hofmaler David Teniers selbst abgebildet, die erläuternd gestikulierende Person ganz rechts.

Man kann davon ausgehen, dass auch die Bestände des Mainzer Landesmuseums, die ab 1843 im Marmorsaal und im Leibgardesaal des Schlosses gehängt wurden, diesen traditionellen Sehgewohnheiten entsprechend dicht gehängt waren. 

Auch wenn es den Anschein hat, war diese Art der Hängung nicht nur rein dekorativ, sondern sie ermöglichte direktes und aktives Vergleichen, so konnten etwa Gegenstücke aufeinander bezogen werden. Durch die Salonhängung wurden die Wände selbst zum Kunstwerk. 

Das Schau ! Depot bricht bewusst mit herkömmlichen aktuellen Sehgewohnheiten und einer üblichen chronologischen Gliederung. Denn es zeigt die Gemälde teilweise wie bei der Salonhängung übereinander gehängt. Unser Schau ! Depot ist eine Mischung aus Depot und Ausstellung, d.h. kein herkömmliches Depot, dass für die Besucher geöffnet wurde, sondern eine ungewöhnliche „depotähnliche“ Inszenierung, bei der die Werke einerseits assoziativ oder u.a. nach ihrer Größe gehängt wurden. Die Werke wurden nicht wie für eine Ausstellung Inszeniert  ̶  also nach ästhetischen Gesichtspunkten in einem Raum angeordnet. 

Blick in das Schau ! Depot im Landesmuseum Mainz
alle Aufnahmen des Schaudepots: © GDKE - Landesmuseum Mainz (Ursula Rudischer)
Blick in das Schau ! Depot im Landesmuseum Mainz / alle Aufnahmen des Schaudepots: © GDKE – Landesmuseum Mainz (Ursula Rudischer)

Für uns ermöglicht dieses Konzept, eine große Auswahl unserer Bestände – mit fast allen Highlights wie dem einzigartigen Zyklus des Marienlebens aus dem Spätmittelalter, der hoheitsvollen Credi Madonna aus der Renaissance, Valkenborchs Turmbau zu Babel aus dem goldenen Zeitalter des 16. Jahrhunderts bis hin zum Familienportrait der Lindenschmids aus dem 19. Jahrhundert sowie eine Auswahl an archäologischen Funden und dem Kunsthandwerk – zu präsentieren. D.h., dass es zum Teil auch keine idealen Bedingungen gibt, die Exponate zu betrachten, denn sie hängen z.B. zu hoch oder zu tief auf Gittern, die auch in einem herkömmlichen Museumsdepot verwendet werden.

 

Wie in einem klassischen Museumsdepot sind die Werke aufgrund ihres Formates platzsparend und ohne erläuternde Objekttexte auf Gitterwänden angebracht. Alle Werke hängen nun vor einer neutralen weißen Wandfarbe, wie man diese in herkömmlichen Depots benutzt, ähnlich einem White Cube. Dies bietet einen neutralen Wahrnehmungsrahmen. Losgelöst von einer chronologischen Einordnung steht das Werk nun für sich allein. Das Schau ! Depot ist eine innovative Methode, Kunst zugleich zu lagern und auszustellen. Dadurch können die Exponate nun in einer völlig neuen Zusammenstellung wahrgenommen und über Epochengrenzen hinweg verglichen werden. 

Durch die Reise durch die Jahrhunderte hinweg sind durch die direkten Vergleiche innovative Führungskonzepte möglich. Ganz neue Verwandtschaften und Parallelen eröffnen sich dem Betrachter beim Vergleich der Vielzahl der Motive und Themen wie beispielsweise in der digitalen Kurzführung mit der Gegenüberstellung der beiden Gemälde des Kardinals Albrecht von Brandenburg und dem Kölner Ratsherren Christian Feist. 

Die Inszenierung des einzelnen Kunstwerkes tritt gegenüber der Bandbreite der unterschiedlichen Stile, Techniken und Materialien zurück. Eine systematische Ordnung gibt es nicht. Der Betrachter muss selbst aktiv Sinnzusammenhänge erkennen und die Werke zuordnen. Durch das eigene Entdecken können ganz persönliche Zugänge zu den Objekten erarbeitet werden. Umso mehr lädt das Schau ! Depot ein, die einzigartige Sammlung des Landesmuseums Mainz neu zu erkunden. 

Autorin: Dr. Karoline Feulner