Die Mainzer Reichskrone – Ein goldener Mittelweg

Am 6. August 1806 proklamierte der österreichische Außenminister Johann Philipp Graf von Stadion, aus einer mit Mainz engstens verbundenen Familie stammend, die Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserwürde durch Franz II.. Die Krone aus Gold, Edelsteinen und Perlen als Symbol dieses Reichs war damit wertlos geworden.

Heute wird das Original in der Wiener Schatzkammer verwahrt. 

 

Ein Blick auf die Seite des Kunsthistorischen Museum Wiens lohnt sich: https://www.khm.at/objektdb/detail/100430/?pid=2337&back=1565&offset=0&lv=listpackages-1354

 

 

Daneben liegen dort auch die Fragmente einer substitutorischen Reichskrone, die vermutlich für Kaiser Ferdinand III. 1653 gearbeitet wurde. Diese Krone von 1653 übernahm zwar in etwa die Form der mittelalterlichen Krone, aber nicht die Bildinhalte, geschweige denn deren Ornamentik und Goldschmiedetechniken. Substitute von Kronen waren keineswegs ungewöhnlich: Das Original kam nur bei der Krönungszeremonie zum Einsatz, die Substitute bei allen anderen Gelegenheiten, bei denen das Zeremoniell sie erforderlich machte. Kein Wunder, denn die Substitute waren mit etwa 20 cm Durchmesser der menschlichen Anatomie besser angepasst als das Original. Dies ist mit etwa 25 cm Innendurchmesser für durchschnittliche Köpfe, und darunter fallen auch die der meisten kaiserlichen Prinzen, schlicht zu weit. Anlässlich der Krönung Kaiser Josephs II. in Frankfurt 1764 erinnerte sich Goethe in „Dichtung und Wahrheit“: „Der junge König […] schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab.“ (Goethe 1811)

 

 

Einen schönen Überblick über die verschiedenen Kronen findet sich auf Wikipedia zu den Kaiserkronen Karls VII: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserkronen_Karls_VII.

 

 

 

Bald nach ihrer Musealisierung war die alte Reichskrone zum Symbol für das römisch-deutsche Reich avanciert, bzw. zum Sinnbild der verlorenen Einheit und vielfach beschworenen „Größe“ desselben. So hat Kaiser Wilhelm I. nicht auf die Königskrone Friedrichs I. von Preußen von 1701 zurückgegriffen, sondern bei seiner Krone formale Anleihen der alten Reichskrone aufgegriffen. Da es nach der Proklamation des Deutschen Reiches in Versailles 1871 keine Krönung gab, benötigte man allerdings keine Krone, sondern nur deren Symbolhaftigkeit: Bei der Krone des Deutschen Reiches handelt sich um eine heraldische Krone, auch wenn es Porträts Kaiser Wilhelms gibt, auf denen er sie zu tragen scheint. Erst 1875 wurde ein dreidimensionales Modell aus kostengünstigen Materialien als Vitrinenobjekt gefertigt. Die Anlehnung an die alte Reichskrone ist deutlich: auch hier bilden acht rundbogenförmige Platten die Basis für einen Bügel, der, mit einem zweiten gekreuzt, einen Reichsapfel trägt.

In wilhelminischer Zeit setzen dann auch Überlegungen zur Herstellung von Kopien, bzw. Repliken oder Nachbildungen der alten Reichskrone wieder ein. Zuerst an den beiden Krönungsorten und dem ehemaligen Aufbewahrungsort der Krone: Aachen (1915), Frankfurt (1913)und der Trifels (geplant ab 1894, umgesetzt erst in den 1950er Jahren). Später bemühten sich weitere Städte nach dem zweiten Weltkrieg um Nachbildungen, um an ihre Bedeutung im Mittelalter anzuknüpfen. Hinzu kommen Objekte, die an ihrem jeweiligen Bestimmungsort auf den Rang der Goldschmiedekunst und den Wert der geschliffenen Steine des Originals verweisen wollen. Inzwischen gibt es sogar Kopien in Privatbesitz.

 

Lesen Sie mehr über die Reichskrone vom Trifels: https://trifelsverein.de/index.php/jubilaeum

 

 

 

Mit den Krönungen Heinrichs II. (1002), Konrad II. (1024) und des Gegenkönigs Rudolfs von Schwaben (1077) kann Mainz kann sich in die Aachener-Frankfurter Tradition einreihen, aber mit „seinem“ Exemplar zugleich auf das Selbstverständnis seiner Erzbischöfe als „Königsmacher“ anspielen bzw. auf die Rolle der Mainzer Kurfürsten als Reicherzkanzler verweisen, die in der Goldenen Bulle 1356 festgeschrieben wurde. Als Reichserzkanzler und erster Fürst des Reiches nächst dem Kaiser ist er bei Krönungen in Frankfurt ab 1562, also auf dem Territorium seiner Diözese, gewissermaßen die zweite Hauptperson; er leitet Wahl und Krönungszeremonie und setzt dem zuvor Gesalbten gemeinsam mit seinen Amtsbrüdern aus Kurköln und Kurtrier die Krone aufs Haupt.

Eine Mainzer Replik der Reichskrone ist deshalb folgerichtig. Sie ist Ergebnis eines goldenen Mittelwegs zwischen einer – zumindest äußerlich – exakten Kopie des Originals im heutigen Zustand und einer Nachschöpfung, wie man sich die Krone im späten Mittelalter vorstellen kann.

Anders als bei den meisten Nachbildungen wurden hier weder Glassteine noch vergoldetes Silber oder goldfarbene Metalllegierungen verwendet, sondern hochlegiertes Gold und Edelsteine; letztere weichen, als Produkte der Natur, im Farbspiel von dem des Wiener Originals gelegentlich ab. Besonders interessant ist der Vergleich mit der Nachbildung auf dem Trifels, die Erwin Huppert gefertigt hat. Ihm standen gleichfalls natürliche Steine zur Verfügung. Die Auswahl der Mineralien im Abgleich mit dem Original – oder den älteren Kopien – ist stets auch eine Interpretation des jeweiligen Goldschmieds. Das Frankfurter Exemplar von 1913 hingegen wird man als relativ exakte Kopie bezeichnen dürfen, da hier Glassteine verwendet wurden, die den Schmucksteinen des Originals besser anzugleichen sind, als die natürlich gewachsenen Quarze und Perlen.

Das Original war zuletzt nach der Krönung Josephs II. durch Austausch bzw. Ersatz eines Steines verändert worden, d.h. dieser Zustand des ausgehendes 18. Jahrhunderts mit seinen wahrscheinlich geringfügigen Veränderungen seither ist hier die Grundlage für die drei Kunsthandwerker der Fa. Weiland gewesen. Unregelmäßigkeiten bzw. Verformungen wurden dabei teilweise übernommen, aber z.B. fehlende Perlen ergänzt. Die unten stehenden Angaben zum verwendeten Material folgen den Angaben von 1975. Eine genaue gemmologische Bestimmung mit der heute üblichen Terminologie für die einzelnen Schmucksteine steht noch aus. Zum ersten Mal ausgestellt wurde dieses Prachtstück der jüngeren Goldschmiedekunst  kurz nach seiner Fertigstellung 1975 anlässlich des 1000jährigen Domjubiläums, als Exponat der Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ ist sie derzeit im Landesmuseum Mainz ausgestellt.

Nachbildung der Reichskrone
Juwelier Weiland: Maria Calwas, Dieter de la Porte, Richard Weiland jr., 1974/75, in 4.120 Arbeitsstunden
18karätiges Gold, Email-Grubenschmelz,  Niello
174 Schmucksteine (57 Almandine, 46 Saphire, 36 Smaragde, 12 Amethyste, 11 Aquamarine, 10 Turmaline, 1 Citrin, 1 Opal, 906 Perlen)
Höhe: 24, 3 cm (Stirnplatte einschließlich des Kreuzes), Breite: 26,5 cm, Tiefe: 25,6 cm; Gewicht: 3.870 g
Dauerleihgabe der Fa. J. Weiland (Mainz) im Landesmuseum Mainz, Inv.Nr. KH DL 2020/1

Text: Gernot Frankhäuser