Die Last der Tradition – Malerei in den 80er Jahren

Das immer weitere Aufbrechen der Gattungsgrenzen der Malerei, die damit einhergehende Erweiterung des Kunstbegriffes und die Frage, was Malerei in der Gegenwart noch leisten kann, sind die zentralen Anliegen der Künstler, die in den 80er Jahren weiterhin zu Pinsel und Farbe als ihr Ausdrucksmittel greifen.

In dieser Themenwoche möchten wir zwei Künstler aus dieser Zeit vorstellen, die sich mit diesen Problemstellungen auf ihre ganz charakteristische Art und Weise auseinandergesetzt haben: Den in Mainz an der Fachhochschule bis 2014 lehrenden Friedemann Hahn (geb. 1949) sowie Sigmar Polke (1941-2010), einer der bekanntesten deutschen Künstler der Nachkriegsgeneration. Beide reflektieren Vorbilder aus der Kunstgeschichte, zitieren bekannte Motive und hinterfragen die Stellung des Künstlers in der Gegenwart.

Sigmar Polkes großformatiges Gemälde aus dem Jahr 1987 leuchtet dem Besucher durch seine grell- grüne Farbigkeit schon von weitem im Landesmuseum Mainz entgegen. Es ist kein Gemälde im klassischen Sinn, denn die Farbe wurde nicht auf Leinwand, sondern auf Kunstseide aufgetragen, wobei der Zufall eine sehr große Rolle spielte: Polke tropfte verschiedene chemische Stoffe auf das Gewebe, ließ diese übereinander und ineinander laufen und wartete auf die Reaktionen der Substanzen. Noch heute verändert sich die Farbigkeit der chemischen Stoffe, die miteinander reagieren, ganz zart.

Auf diesem abstrakten Hintergrund befinden sich zwei schwarze biomorphe Wesen mit menschlichen Oberkörpern, die ihre Schlangenleiber miteinander verbinden. Diese kalligraphischen Schwünge können zugleich als kleines Albrecht Dürer-Zitat gelesen werden, der in den Randzeichnungen des Gebetbuches von Kaiser Maximilian solche charakteristischen Schleifen verwendete. Auf den ersten Blick scheint es, dass Polke diese beiden Figuren mit einem sicheren, breiten Pinselstrich direkt auf den Stoff malte. Aber dieser Eindruck täuscht – die beiden Phantasiefiguren entstammen einer Vorlage, wurden auf den Bildträger projiziert und von Polke Linie für Linie akribisch auf die Seide übertragen, d.h. der für den Maler charakteristische freie Pinselstrich existiert gar nicht. Der Malakt des Künstlers ist ad absurdum geführt. Polke stellt mit diesem Werk den schöpferischen Anteil des Künstler in Frage, ist doch bei diesem Werk der Hintergrund in erster Linie durch den Zufall der chemischen Reaktionen der Farben entstanden und das Motiv lediglich eine abgemalte Vorlage. Sein ironischer Kommentar, der den Mythos eines aus sich selbst schöpfenden Künstlersubjekts persifliert.

Bild: Sigmar Polke, o.T, 1987, Mischtechnik auf Polyesterstoff, 300 x 240 cm, Vorder- und Rückseite © The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, Bonn 2020