Die Händlerin

Seid gegrüßt liebe Leute, kommt alle näher und kauft ein bei mir, bei der preiswerten Gisela! Bei mir gibt es nicht nur die günstigsten, sondern auch die besten Waren von nah und fern.

Ich habe das Glück Gewürze aus fernen Landen anbieten zu können. Gerade Pfeffer und Gewürznelken laufen derzeit sehr gut. Meinem Mann, der stets auf Reisen ist, gelang es Handelsbeziehungen mit Kaufleuten in Venedig aufzubauen. Dort werden Dinge angeboten, die hier niemand kennt, da sie aus allen Enden der Erde nach Venedig verschifft werden. Die Gewürze, die ich anbiete, stammen aus Indien. Eines Tages möchte ich auch einmal nach Venedig, aber die Reise ist sehr anstrengend und dauert zu Fuß etwa einen Monat. Wer sollte denn so lange hier meine Geschäfte führen? Das bleibt wohl vorerst ein Traum.

Ihr findet mich und meinen Verkaufsstand stets an der östlichen Seite des Marktes. Meistens steht Hildegard mit ihrem Stand neben mir. Sie bietet die schönsten Metallwaren hier auf dem Markt feil. Ich habe ihr bereits eine Schnalle mit einem Fabeltier darauf abgekauft. Sie hat mir einen guten Freundschaftspreis dafür gemacht. Am beliebtesten sind allerdings ihre Pilgerampullen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht ein Pilger bei Ihr für seine Reise ausstattet.

Hans, der Schuhmacher, steht für gewöhnlich auf der anderen Seite meines Standes. Erstellt die ausgefallensten Schuhe her und verkauft sie selbst auf dem Marktplatz. Bei Hans Sachs gibt es alles von Kinderpantoffeln bis hin zu Schnabelschuhen, doch letztere können sich nur Adlige leisten.

Erst vergangene Woche ist Hans zum Meister und einem vollwertigen Mitglied der Schuhmacherzunft aufgestiegen. Davor war er Geselle und Lehrling. In dieser Zunft haben sich einige Männer, die auch Schumacher sind, vereinigt. Zünfte bieten Vorteile im Hinblick auf Schutz, Qualität und Preis. Es gibt auch eine Zunft für Händler, leider darf ich da als Frau nicht Mitglied werden. Das ist besonders ungerecht, weil es viele Frauen gibt, deren Männer verstorben oder auf Reisen sind und ihnen somit die Vorteile der Zünfte verwehrt bleiben. 

Ich mochte es immer gerne ruhig, da mich das an meine Kindheit auf dem Land erinnert. Doch da ich nun Händlerin bin, halte ich mich auf den belebtesten Plätzen inmitten der Städte auf. Hier ist es sehr laut und immer dicht gedrängt. Ich habe mich aber daran gewöhnt und es ist jetzt zu meinem Leben geworden. Ich mag es die Leute hier zu beobachten. Man sieht hier allerhand. Skurrile Händler und Kunden, ungewöhnliche Verkaufsgegenstände, gelegentlich wird musiziert und Tiere sind zu sehen. Jeder Tag ist anders und deshalb fühle ich mich hinter meinem kleinen Ständchen wohl.

 

“Leben in der Stadt”, Ambrogio Lorenzetti. Tipp: Klickt das Bild mal groß, man kann darauf allerlei Handwerker entdecken!

Hier auf dem Markt werden nicht nur exotische Waren angeboten, es kommen auch Menschen aus unterschiedlichen Regionen hier her. Diese zahlen mit den unterschiedlichsten Währungen. Hinzu kommt, dass nicht alle Denare, Gulden oder Pfennige gleichwertig sind. Das ist aber nicht so schlimm, denn ich muss eh jede Münze genau auf Gewicht und Material prüfen. Ich lasse mich nicht übertölpeln. Ich habe Spaß daran mir diese fremden Münzen genau zu betrachten, einige sind mit sehr schönen Motiven geprägt. Ich habe gehört in einem fremden Land weit im Osten wird sogar mit Papier gezahlt. Das ist sicher praktisch, da so ein Sack Münzen doch recht schwer werden kann, aber ich habe noch keinen Schein bisher gesehen und würde ihn wohl auch nicht annehmen. Auf Hartgeld kann ich vertrauen, das ist mir lieber.

So, ich muss mich jetzt auch wieder meinem Verkaufsstand widmen. Ich habe das Gefühl heute kann ich ein gutes Geschäft machen. Beehrt mich bald wieder!

Glossar

  • Etwas feilbieten: Etwas zum Verkauf anbieten
  • Pilgerampulle: Pilgerampullen wurden im Mittelalter benutzt, um Wasser, Öl oder Erde von besuchten heiligen Stätten als Souvenir mitzunehmen.
  • Pilgerreise: Eine Reise zu einer heiligen Stätte, die man in der Regel zu Fuß unternimmt.
  • Schnabelschuh: Ein Schuh mit langer Spitze. Galt als Statussymbol für Reiche, da sie für die Arbeit unpraktisch waren.
  • Zunft: Vereinigung von Männern mit gleichem Beruf.
  • Denar, Gulden, Pfennig: Beispiele für Währungen, die sich je nach Prägestätte im Wert voneinander unterscheiden.

Das Bild “Leben in der Stadt” wurde von Ambrogio Lorenzetti 1338/39 als Fresko im Palazzo publico der Stadt Siena in Italien angefertigt. Es gehört zu einem Zyklus, der „Die Allegorie der Guten Regierung“ zeigt und stellt „Die Auswirkung der Guten Regierung in Stadt und Land dar.

Bildnachweise:

Lorenzetti: mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23689357

Händlerin: Museon, Den Haag

Alle anderen Fotos: GDKE RLP, LMM, Ursula Rudischer

Autor: Tobias Bast