Der Handwerker

„Handwerk hat goldenen Boden, sprach der Weber, da schien ihm die Sonne in den leeren Brotbeutel“– Ja, ich gebe zu: an diesem Sprichwort ist etwas dran, denn wir Handwerker haben es zuweilen nicht leicht, uns und unsere Familien über Wasser zu halten. Trotzdem liebe ich meinen Beruf! Mein Name ist Rüdiger und ich bin Fliesenhersteller hier, in Aurea Moguntia.

Tonfliesen werden als Fußbodenbelag und zur Kaminumrandung genutzt. Diese Tonplatten, auch Kacheln genannt, verziere ich häufig mit Reliefs oder lege sie mit andersfarbigem Ton ein, so dass ein zweifarbiges Muster entsteht.

Nischenkachel mit Fabeltierdarstellung / Ton, glasiert

Über mangelnde Arbeit kann ich mich wirklich nicht beklagen, denn in den vornehmen Wohnhäusern der Stadt oder in den Burgen im Umland von Mainz will man auf schöne Fußbodenfliesen und verzierte Kachelöfen nicht mehr verzichten. Große Aufträge habe ich schon von Klöstern angenommen. Dabei kann ich meine Kreativität ausleben und neue Motive entwerfen.

Fußbodenfliesen mit Fabeltierdarstellung / Ton

Das Töpfern und Glasieren von Fliesen erlernte ich von meinem Vater, wie dieser wiederum schon von seinem Vater. Anstatt zur Schule zu gehen, habe ich schon mit 7 Jahren in unserer Werkstatt mitgearbeitet. Am Anfang habe ich meinem Vater nur zugearbeitet. Damals habe ich den angelieferten Ton sowie das Brennholz in unseren Lagerschuppen getragen, die Tonmassen angemischt oder bin ihm beim Eingießen des Tons in die Kachelformen zur Hand gegangen. Als sein Lehrjunge brachte er mir dann nach und nach alle weiteren Arbeitsschritte bei, wie die Herstellung der Rohlinge, das Glasieren und ganz wichtig: die Kunst des Tonbrands. Da kann nämlich so einiges schiefgehen! Da ich nie zur Schule ging, kann ich nicht lesen und schreiben. Deswegen habe ich alle Rezepturen, Mischverhältnisse und Brennzeiten in meinem Kopf. Umso wichtiger ist es, dass wir Handwerker unser Wissen von Generation zu Generation mündlich weitergeben. Auch mein neugeborener Sohn wird einmal mein Lehrjunge sein und in die Geheimisse der Fliesenherstellung eingeweiht werden!

Wie in den meisten Handwerksfamilien helfen bei uns alle mit. Jede(r) hat seine Aufgabe. Meine Frau kümmert sich um den Ankauf des Brennholzes vom Förster und des Tons aus den großen Tonlagern im engen Umland von Mainz. Mein alter Herr kann keine schweren Arbeiten mehr verrichten. Auf dem Markt, dem Lebensmittelpunkt der Stadt, verkauft oder tauscht er unsere Ware gegen Lebensmittel, Kleider und alle anderen lebensnotwendigen Waren.

Geschirr / Ton

Zusammen mit meiner Frau, unserem Sohn und meinem Vater wohne ich im Bauhandwerksviertel der Stadt. Dort, wo sich auch Steinmetze, Maurer und Schreiner angesiedelt haben – also alles Betriebe mit gleicher Ausrichtung. Das hat den Vorteil, dass wir gemeinsam Auftragsarbeiten annehmen und Hand in Hand arbeiten können. Dort wohnen wir also in der „Töpfergasse“ zu viert in einem mittelgroßen Fachwerkhaus mit einer Stube, einer Küche, einem Lagerschuppen und der Werkstatt.

Rekonstruktion einer Töpferwerkstatt, Museum für traditionelle Handwerke und angewandte Kunst, Troyan, Bulgarien

Leben und arbeiten ist nicht getrennt. Wie die meisten Handwerker fertige auch ich meine Kacheln im eigenen Haus an, wobei ich auch viel im Freien am Töpferofen arbeite. So schuften wir täglich zwischen 12 und 16 Stunden. Nur der Sonntag, der Tag des Herrn, ist frei, damit wir die Messe besuchen können.

Wir städtischen Handwerker sind keine Leibeigenen mehr. Da ich meines Vaters Werkstatt mit Brennofen übernahm, hatte ich das große Glück nach meinen Wanderjahren als Geselle sofort als Meister zugelassen zu werden und einer Zunft beizutreten. Wir Handwerksmeister sind in Verbänden, in sogenannten Zünften zusammengeschlossen. Die Mitgliedschaft in der Zunft ist Pflicht. Es herrscht also „Zunftzwang“. Die Zunftordnung regelt unsere Arbeitszeiten, Löhne und Preise und auch die Qualität unserer Produkte. Mit unserem Zunftzeichen, einem brennenden Tonkrug, signalisieren wir nach außen unsere Zugehörigkeit.

Neben Bauhandwerkern haben sich noch viele andere Handwerksberufe in der Stadt angesiedelt. Zum Beispiel Müller, Bäcker, Schneider, Leineweber, Gerber oder Waffenschmiede:

Funeralschwert mit verziertem Scheibenknauf und Schmiedemarke / Eisen, Kupferlegierung

Mein Vetter ist Glasbläser und fertig wunderschöne Trinkgläser an.

Nischenkachel, Becher, Senklot und Bodenfliesen

In seiner Werkstatt arbeitet auch ein ausgebildeter Butzenmeister, der Butzenscheiben herstellt. Butzenscheiben sind viel einfacher zu produzieren, als große Fensterscheiben. Sie bestehen nämlich aus vielen einzelnen runden Glasbutzen, die später zu einer großen Scheibe zusammengesetzt werden. Mein Vetter bläst dazu zuerst heiße Glaskugeln von etwa 10-15 cm Durchmesser bei etwa 1000 Grad. Danach übernimmt der Butzenmeister die heißen Kugeln und formt daraus die flachen Scheiben. So entstehen die typischen Glasfenster, die man in Burgen und Kirchen einbaut.

Im so genannten „Zunftfenster“ im Liebfrauenmünster Ingolstadt (1425 – 1525) sind bunte Glasscheiben und Butzenscheiben kombiniert.

Glossar:

Dieses Mittelalterliche Sprichwort verdeutlicht, dass viele Handwerksmeister jener Zeit in Armut lebten.

Übersetzt aus dem Lateinischen heißt Aurea Moguntia „Goldenes Mainz“. So wird Mainz in seiner mittelalterlichen Glanzzeit genannt. Bezugspunkt ist dabei Rom als „goldene Stadt“.

Leibeigene gehören zu den Unfreien. Die leibeigenen Bauern bewirtschaften Höfe, die ihren Grundherren gehören und müssen dafür Geld (Pacht) zahlen. Daneben müssen sie ihm einen Zehnt (ein Zehntel) leisten und sind zu Frondiensten verpflichtet.

Nur der Müller hat das Recht, Getreide zu mahlen. Neben dem Mahlen gehört auch die Instandhaltung der Wind- oder Wassermühle zu seinen Aufgaben.

Bäcker sind im Mittelalter einer großen Gefahr ausgesetzt: Der allgegenwärtigen Mehlstaub in der Luft verstopft die Atemwege und Hautporen und macht dieses Handwerk erstaunlich ungesund!

Schneider dürfen nur auf Bestellung arbeiten und können somit nie viele Kunden gleichzeitig versorgen.

Leineweber stellen aus gesponnenem Flachsfasern Leinenstoff her. Der fertige Stoff wird dann von Schneidern zu Hemden, Bettwäsche, Waffenröcken und anderen Textilien weiterverarbeitet.

Ein Gerber stellt aus rohen Tierhäuten ein ansehnliches Leder für Handschuhe, Sattel, Schuhe oder Pergament her. Um die Häute haltbar zu machen, müssen sie gereinigt und anschließend gegerbt werden.

Bildnachweise:

GDKE RLP, LMM, Ursula Rudischer

Werkstatt:

Von Edal Anton Lefterov – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12044893

Ingolstädter Münster:

Von GFreihalter – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41578188

Text: Ellen Löchner