Der Bauer

Huh, na jetzt setze ich mich aber hin… Eine ganz kurze Pause kann niemandem schaden. Die Kleinsten wollte ich heute Morgen nicht wie normal wecken, deshalb ging ich selbst die Eier holen. Na ja, einige sind zu Bruch gegangen. Seit dem Morgengrauen habe ich Bauchschmerzen. Hm, was ist noch in diesem Krug übrig geblieben? 

Obstwein, mete – davon ist nichts übrig. Getrocknete Lindenblüten, Holunder und – ja, hier ist es: Mädesüß! Die Blüten haben die Kinder im brachmanot am Bachufer eingesammelt und dann zum Trocknen aufgehängt. Das Wasser kocht noch nicht – meine liebe Elisabeth ist heute auch später dran. Kein Wunder! Aber wenn ich an die Ereignisse von gestern zurückdenke, bin ich so froh – nicht nur für Magdalena, sondern auch für unsere ganze Familie. Wer hätte das vor siebzehn Jahren gedacht!

Gestern feierten wir die mahelunge meiner ältesten Tochter, Magdalena. Mein ganzer Hof wurde für die Vorbereitungen benutzt. Das große Wohnhaus, das auch als Stall funktioniert, war tagelang mit dickem Rauch gefüllt. Da es keinen Schornstein gibt, verteilt sich der Rauch des offenen Herdes in dem ganzen Gebäude und kann nur über die Löcher im Giebel abziehen. Meine Frau, Elisabeth hat mit Hilfe anderer Frauen aus dem Dorf tagelang gekocht. All die Zutaten mussten sie vom Speicher oder von den Nebengebäuden herschleppen, Wasser mussten sie immer aus dem Brunnen im Hof holen. Der Bach, der im Nachbardorf an der Mühle vorbeifließt, darf wegen der trockenen Jahreszeit nicht benutzt werden. Und am Ende hatten wir und die Gäste des jungen Brautpaares eine große und farbenfrohe Auswahl an Speisen: Es gab dickes Bohnenmus mit Kräutern und Speck, Teigtäschchen gefüllt mit Pilzen und Käse, eingelegten Kohl und Rote Beete und zur Feier des Tages waren in der Mitte des großen langen Tisches die Leckerbissen von einem Schwein aufgetischt.

Unsere kleine Sauherde lebt das ganze Jahr hindurch auf der Weide, das heißt im Wald. Die Tiere werden dort mit Eicheln gemästet. Letzten Herbst war ich öfter im Wald um mich um die Herde zu kümmern. Nach dem St. Andreastag mussten die übrig gebliebenen Tiere möglichst schnell zunehmen, damit sie genug Fleisch, Wurst usw. für die Hochzeit liefern.

Beim Schlachten im wintermanot benutzt der Schlachter nicht nur Schlegel und Beile, sondern auch Messer in unterschiedlichen Größen und Formen.

Die leckeren Speisen wurden in Kochtöpfen aller Art gegart, gekocht, gebraten und gebacken.

Es ist doch kein Wunder, dass die Gäste sich sehr vehement bedient haben, fast wie in einem Spruch:

„Auf so sprang er do zestund
Und schluog die schüssel mit der faust,
Daz die supp her aussher taust
Mit sampt dem prot bis auf die erd;“

Na, dieser kleinere Topf hier hat schon eine Kerbe am Rand, trotzdem werden wir den nicht wegwerfen. Um einen neuen Topf zu kaufen, müssten wir uns den Strapazen aussetzen, die mit einer Reise in die Stadt verbunden sind. Obwohl…

Ich bräuchte neue Spielwürfel: Ich habe heute Morgen nur ein einziges Stück wiedergefunden. Wo die anderen geblieben sind, möchte ich nicht erraten. Erst nach der Ernte können wir mit Elisabeth und den jüngsten Kindern in die Stadt.

Wo man Würfel kaufen kann, findet man auch schön geschnitzte Paternosterperlen als Geschenk für meine Frau.

Sonstiges Geschirr brauchen wir jetzt nicht, die gedrechselten Holzteller haben das Abendmahl gut überstanden. Einige Gäste haben sich mit einer Leckerei in den fast leeren Speicher geschlichen, denn dort habe ich einige Tellerchen gefunden.

Oh, der fast leere Speicher muss mit harter Arbeit erneut gefüllt werden. Wenn die nächsten Tage keinen Regen bringen, wird die Ernte bald beginnen. Ich werde zum ersten Mal meine beiden Söhne an der Arbeit teilnehmen lassen. Sie müssen es noch erlernen, wie die Getreidehalme unterhalb der Ähren in Büscheln gepackt und in halber Höhe mit der Sichel abgeschnitten werden. 

Bis dahin hat der Schmied genug mit dem Dengeln und Wetzen zu tun.

Ich bin denn doch kein Tagedieb! Mein Becher ist leer, die Magenkrämpfe sind dank dem Mädesüß-Gebräu vorbei und das Licht der Talglampe wirft keinen Schatten mehr.

Draußen ist es hell geworden. Ich muss mich beeilen, wenn ich die Morgengabe an Magdalena als einer der ersten anschauen will!

Glossar:

brachmanot: mittelhochdeutsch, Brachmonat, Zeit des Pflügens, Juni

mete: mittelhochdeutsch, Met, Honigwein

Mädesüß: Die Pflanze gehört zur Familie der Rosengewächse und ist in fast ganz Europa heimisch. Die Blüten und junge Blätter können zum Tee verarbeitet werden, der harntreibende und entzündungshemmende Eigenschaften hat und Sodbrennen gegenwirkt.

Mahelunge: mittelhochdeutsch, Vermählung. Hoch(ge)zit (vgl. Hochzeit) bedeutete „hohes kirchliches (oder weltliches) Fest“, wie z.B. Ostern oder Pfingsten.

Wintermanot: mittelhochdeutsch, Wintermonat, November, Dezember, Januar

Spruch:
„Da sprang er auf, hielt sich den Mund
und schlug die Schüssel mit der Faust,
daß die ganze Suppe saust
mitsamt dem Brot hinab zur Erde.“

(Heinrich Wittenwiler, Der Ring, Verse 5544-5547)

http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Wittenwiler/wit_rin0.html

Paternoster, auch als Rosenkranz benannt, ist eine Gebetskette, deren Perlen in Massenanfertigung u.a. aus Mittelhand- und Mittelfußknochen vom Rind gebohrt bzw. gefertigt werden konnten.

 

Bildnachweise:

Titelbild: © Museon, The Hague

Bild 1, 4, 5 : GDKE LMM, Ursula Rudischer

Bild 2, 3, 10: Dresdner Gebetbuch – Horarum Latine (Mscr.Dresd.A.311), 11v [S. 24], 12v [S. 26] und 7v [S. 16], von SLUB Dresden, CC PD Mark 1.0 (Detail)

https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/91589/1/

Bild 6, 9, 11: GDKE LMM, Krisztina Péró

Bild 8: Die Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen, Amb. 317.2° 13r (Mendel I), von Tiergärtner, CC PD Mark 1.0 (Detail)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mendel_I_013_r.jpg

Text: Krisztina Péró